“Es ist wichtig, dass wir uns nach einem stressigen Tag auch immer wieder fragen: In welchem Moment waren wir mit unserem Kind heute besonders glücklich?”

Foto: Beratungsraum Berlin.

Nachdem meine Tochter geboren worden war, beschloss ich, mich auf gar keinen Fall für eine Krabbelgruppe anzumelden. Sie weinte anfangs viel und schien schnell gestresst zu sein. Trubel, Geräusche und viele Eindrücke mochte sie überhaupt nicht, hier half oft nichts anderes, als die Babytrage, in der L. monatelang regelrecht wohnte. Außerdem hatte ich lange als freie Designerin gearbeitet und war es gewohnt, viel Zeit zuhause zu verbringen. Dann kam unser Kind zur Welt. Es war April. Der Sommer stand direkt vor der Tür und den wollte ich vor allem draußen verbringen. Wenige Wochen nach der Geburt empfahlen mir meine Freundinnen Alexa und Julia dann diesen “einen” Kurs, an dem sie mit ihren wenige Monate älteren Töchtern teilgenommen hatten. Es war ein PEKIP-Kurs (“Prager-Eltern-Kind-Programm”) bei Margareta Janz ( “Beratungsraum Berlin” ). Ich musste laut auflachen, als beide Freundinnen getrennt voneinander von diesem Kurs schwärmten. Zwei Tage später liess ich mich auf die Warteliste setzen – der Kurs war selbstverständlich ausgebucht.

Bei Margareta traf ich immer dienstags auf Frauen, die sich alle in exakt derselben Situation befanden, wie ich. Wir hatten ein neugeborenes Baby zuhause, wir stillten nonstop, wir wuschen unsere Haare jetzt seltener, wurden nachts viel zu oft geweckt und konnten am frühen Morgen nach einer harten Nacht genauso oft nicht einmal duschen. Im Kurs hörte ich, dass alle Partner und Männer nach anfänglicher Begeisterung jetzt immer länger im Büro blieben. Während unsere Babies auf Spucktüchern mit ihren neuen “Freunden” stacheligen Plastikbällen hinterherschauten, die wir Mütter uns zurollten, gab Margareta gab Tipps bei Partnerschaftsproblemen. Sie beantwortete Fragen über jeden noch so fragwürdigen Windelinhalt und wußte, wann es Zeit war, mit der Beikost zu beginnen. Unschlagbar auch der Tipp, wie mit Schwiegereltern zu verfahren war, die viel zu oft anreisten, um Zeit mit “ihrem” Enkelkind zu verbringen und in absehbarer Zeit überhaupt nicht mehr vorhatten, in ihre Heimatstadt abzufahren!

Nach Monaten, – der Kurs bei Margareta Janz war längst vorbei–, traf ich mich mit einer guten Bekannten zum Mittagessen in der Nähe der Kastanienallee. Unsere Pho-Suppen waren gerade gebracht worden, als sie mich über meine Elternzeit befragte. Wenig später kamen wir auf den Pekip-Kurs zu sprechen, an dem ich mit L. teilgenommen hatte. “Ach, super, bei Margareta war ich mit meiner Kleinen auch!” Sie grinste und zwinkerte mir verschwörerisch zu. “Seither läuft sie für mich ja nur noch unter “der Guru!” Ich hätte mich fast an der Nudelsuppe verschluckt. “Passt total!”, keuchte ich und griff schnell zu meinem Wasserglas.

Der Begriff “Guru” begleitete mich noch lange nach dem Mittagessen. Irgendwann setzte ich mich zuhause an den Rechner und schreib Margareta. Ich fragte sie, ob sie Lust hätte, mir ein wenig über das zu erzählen, was Mütter heute so beschäftigt. Sie antwortete sofort: “Aber klar!” Wir haben uns (noch vor der Corona-Zeit) in einem Café an der Rosenthaler Straße getroffen, wo wir in einer gemütlichen Ecke mit Blick auf den Innenhof Mandelgebäck in unseren Kaffee tunkten und über das Eltern-Werden sprachen. Margareta hatte an diesem späten Nachmittag bereits einen langen Tag hinter sich. Ein Kurs war nahtlos in den nächsten übergegangen, eine Beratungsstunde folgte der anderen. Trotzdem betrat Margareta das Café schon wieder so unfassbar gelassen und gut gelaunt.

Melanie: Liebe Margareta, meine Tochter ist im April schon zwei Jahre alt geworden. Immer, wenn der Geburtstag näher rückt, muss ich doch noch einmal an die ersten Wochen rund um die Geburt und an das Wochenbett denken.

Margareta Janz: Erzähl!

Melanie: Als die Maus geboren wurde, war ich fast 38. Ich hatte einige Sachbücher gelesen. Ich wusste ALLES über die Schwangerschaft, über die Entwicklung des Kindes im Bauch und die ersten Monate nach der Entbindung. Aber ich wußte über das alles eben nur in der Theorie Bescheid. Das war total verkopft. Wenn es um die Geburt an sich ging, habe ich in diesen Büchern übrigens lieber schnell weiterblättert. (lacht)

Margareta: Verständlich. (lacht auch)

Melanie: Und als es dann losging, war diese „Spontangeburt“, also eine ganz normale Geburt, dann trotzdem eine echte Grenzerfahrung für mich. Im Vorwehenzimmer und später dann im Kreissaal kam ich mir trotz meiner angelesenen Vorbereitung wie eine absolute Vollversagerin vor.

Margareta: Ja, das geht vielen Müttern so. Vor allem dann, wenn es das erste Kind ist und man eben noch nicht weiß, was auf einen zukommt.

Melanie: Mein Mann war damals bereits zweifacher Vater und wußte, im Gegensatz zu mir, ziemlich genau, was im Krankenhaus auf uns zukommen würde. Im Nachhinein gestand er mir, dass er insgeheim gehofft hatte, die Geburt seines dritten Kindes würde vielleicht relativ easy ablaufen.

Margareta: Da kann ich ihn auch voll verstehen. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass eine Geburt auch für den Vater eine echte Herausforderung darstellt. Manche Väter stehen im Kreissaal unter Schock, wollen aber gleichzeitig unbedingt stark bleiben, obwohl auch sie während des Geburtsprozesses Traumatisches sehen und erleben.

Melanie: Stimmt! Als wir es dann geschafft hatten und unsere Tochter in unseren Armen lag, war ich natürlich irre stolz. Ich hab‘ dann sofort erwartet, dass es jetzt bitte nahtlos in den gemütlichen Bilderbuch-Teil der Mutterschaft übergeht. (lacht wieder).

Margareta: Da bin ich jetzt aber mal gespannt…

Melanie: Ich konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und unsere Tochter in ihren hübschen, naturweißen Strick-Jäckchen und den passenden Hosen, die ich in den Wochen zuvor besorgt hatte, in ihren Stubenwagen zu legen.

Margareta: Ach, ich ahne schon, was jetzt kommt. In den Stubenwagen wollte Eure Kleine dann aber partout nicht rein?

Melanie: Genau! Sie wollte nur auf unserem Arm schlafen. Man konnte sie nie ablegen. Und abends schrie sie plötzlich eine Stunde lang durch und war vollkommen außer sich. Da dämmerte mir dann, dass wir wohl eher keines dieser „Buddha“-Babies bekommen hatten….

Margareta (winkt ab): Ach, die wenigsten Babies sind doch von der Sorte tiefenentspanntes Buddha-Baby.

Melanie: Was rätst Du denn jungen Müttern und Vätern, wenn sie mit ihrem Neugeborenen aus dem Krankenhaus oder Geburtshaus den Heimweg antreten?

Margareta: Ich denke, dass es enorm wichtig ist, um sich und das Neugeborene herum zunächst einmal so etwas wie einen kleinen Kokon zu schaffen.Viele Babies schlafen eben tatsächlich anfangs noch nicht buddhamässig ein. Es kann auch sein, dass sie in den ersten Tagen und Wochen viel weinen, obwohl sie doch eigentlich gerade erst gefüttert und gewickelt worden sind. Aus welchem Grund sie dann so ganz genau weinen, wissen wir oft nicht. Sind es Bauchschmerzen? Oder sind sie einfach übermüdet, können aber in ihrer neuen Umgebung noch nicht so leicht zur Ruhe finden? Gerade anfangs müssen die Babies eine sehr hohe Anpassungsleistung vollbringen, um sich mit allen Sinnen wohl zu fühlen auf dieser Welt.

Melanie: Wenn unsere Tochter aus vollem Herzen schrie, lagen unsere Nerven ja erstmal blank. Wie können junge Eltern in diesen ersten Lebenstagen und -wochen mit der neuen Situation umgehen?

Margareta: Es immer gut, auf seine Intuition zu hören. Das Baby mag zwar erst ein paar Tage alt sein, aber die Eltern sind ja neben der Hebamme, die in den ersten Tagen und Wochen immer wieder vorbeischaut, trotzdem diejenigen, die das Kind nun einmal am besten kennen. Entscheidungen, die von der Mutter und dem Vater des Neugeborenen in dieser Zeit aus einem Bauchgefühl heraus gefällt werden, sind oft sehr gut und treffend. Das setzt aber natürlich voraus, dass man sich die Zeit nimmt und sich ganz besonders in der ersten Wochen intensiv mit dem Baby befasst.

Melanie: Aber tun das nicht alle Eltern?

Margareta: Naja, manche bekommen eben schon im Wochenbett viel Besuch. Jede Tante, jede Arbeitskollegin oder gute Freundin bringt eben immer auch Unruhe in die Wohnung. Für die Mutter im Wochenbett und das Neugeborene bedeutet so ein Kaffeetrinken auf dem Sofa mit Tante Ingelore und Onkel Heinz jedes Mal Stress pur.

Melanie: Eine Freundin erzählte mir nach der Geburt ihres zweiten Kindes, dass eine Krankenschwester auf der Wöchnerinnenstation ihr von all den wunderbaren Blumensträußen erzählte, die auf den Zimmern herumstünden. Abends, wenn alle Besucher wieder gegangen waren und es im Krankenhaus wieder stiller wurde, hätten diese Mütter inmitten ihrer üppigen Blumenpracht dann nur noch geweint. Sie waren einfach vollkommen alle..

Margareta: Dann war es einfach zuviel. Das Kokon, von dem ich gerade sprach, ist eben ein ganz schönes Konzept, finde ich. In den ersten Tagen brauchen Mama, Papa und das Baby einfach ein wenig Zeit, um sich kennenzulernen. Geschwister sind damit selbstverständlich auch gemeint, wenn es schon welche gibt.

Melanie: Trotz unseres „Kokons“ war unsere Tochter in den ersten drei bis vier Monaten ein eher unruhiges Baby. Sie hat viel geweint und schien einfach schnell gestresst zu sein. Wir mussten sie ab Tag Eins ja nonstop im Arm halten oder im Tragetuch herumtragen, später dann tatsächlich das ganze erste Jahr in der Babytrage..

Margareta: Manchmal fällt dann von Angehörigen auch der Satz: „Ihr könnt doch das Kind nicht bei jedem Pieps hochnehmen…“

Melanie: Richtig. Einige rieten uns auch: „Jetzt lasst die Kleine doch ruhig mal einen Augenblick schreien“, wenn sie aufmuckelte. Ich hab’ das aus lauter Sorge darum, dass sie Bauchschmerzen haben könnte oder sich aus einem anderen Grund unwohl fühlt, den sie uns in ihrem ersten Lebensjahr doch überhaupt noch nicht mitteilen konnte, einfach nicht fertig gebracht.

Margareta: Heute wissen wir, dass es richtig ist, das Baby gleich hochzunehmen, wenn es weint. Es beruhigt sich dann meistens auch sofort wieder. Und diese blitzschnelle De-Eskalation wird ganz sicher nicht dazu führen, dass dein Baby in den nächsten Monaten nie wieder allein auf einer Krabbeldecke liegen möchte oder nie mehr selbständig vor sich hinspielen kann.

Melanie: In den ersten Wochen hörte ich von Außenstehenden auch oft, dass ich unser Baby auf GAR keinen Fall verwöhnen dürfe. Später hielt ich mich einfach an den Satz: “Man kann sein Baby in den ersten zwölf Monaten noch gar nicht verwöhnen oder verziehen.”

Margareta: In den ersten Wochen und Monaten ist es einfach wichtig, dass Dein Baby sich sicher und gut aufgehoben fühlt. In Eurer Nähe, also auf dem Arm der Mutter, des Vaters oder einer anderen, engen Bezugsperson, weint es eben auch viel weniger. Damit verwöhnt man es nicht. Punkt. Erst, wenn Euer Baby sich darauf verlassen kann, dass Ihr es immer wieder in den Arm nehmt, wenn es sich unsicher fühlt, wird es mutiger werden und sich mehr und mehr abnabeln. Und dann möchte es auch schon bald ganz allein auf einer Krabbeldecke liegen, vor sich hinbrabbeln oder seine ersten Spielzeuge erkunden.

Melanie: Seit über 20 Jahren berätst Du Mütter, die gerade ein Kind bekommen haben. Du bietest PeKip-Kurse an, eine Schreibaby-Sprechstunde und eine Paartherapie. Dein Wissen rund um das Thema Babyjahre und die ersten Jahre als junge Eltern ist also enorm. Was rätst Du den Müttern denn heute so?

Margareta: Ich habe den Eindruck, dass Mütter die Qualität ihres Mutter-Daseins ganz oft an der Frage messen, ob ihr Kind glücklich ist. Schläft es gut, isst es gut, lacht es viel, was kann es denn schon? Wenn diese Fragen ständig im Mittelpunkt stehen, wird oft vergessen, dass das Baby ja auch mal ein Recht darauf hat, zu weinen. Es kann ja nicht vierundzwanzig Stunden am Tag lang glücklich sein. Das sind wir doch auch nicht.

Melanie: Ich kenne das Gefühl, dass ich mich als Mutter sofort in Frage gestellt habe, wenn meine Tochter mal einen schlechten Tag hatte.

Margareta: Oder gleich mehrere schlechte Tage hintereinander? (lacht) Ich stelle in den Gesprächen mit den Müttern immer wieder fest, dass nicht nur das neue Leben mit dem Baby eine große Umstellung für sie bedeutet, sondern auch die Aufgabe, die damit verbunden ist. Man möchte unbedingt eine besonders gute Mutter sein. Dem Kind soll es an nichts fehlen. Wenn das Kind dann aus Gründen, die wir nicht immer beeinflussen können, nicht glücklich ist, bewerten Mütter dies heute sofort so, als würden sie etwas nicht besonders gut oder richtig machen. 

Melanie: Wenn ich mit dem brüllenden Baby im Kinderwagen durch die Straßen schob oder es im Supermarkt an der Kasse nicht beruhigen konnte…

Margareta: …dann haben sich alle gleich besorgt nach Dir umgedreht, stimmt’s? Mütter stehen unter ständiger Beobachtung. Sie sind permanent den Bewertungen und Ansprüchen anderer ausgesetzt – und natürlich auch ihren eigenen. Man sollte sich da nicht so unter Druck setzen.

Melanie: Du hast mir neulich erzählt, dass Du Dich in Deinen Kursen auch immer danach erkundigst, was mit dem Baby besonders gut gelaufen ist.

Margareta: Das ist richtig. Wir konzentrieren uns in den Stunden oft auf Dinge, die noch nicht ganz rund laufen. Stillprobleme etwa oder Probleme in der Partnerschaft. Ich finde es einfach wichtig, dass uns die positiven Momente mit unserer Familie trotzdem nicht verloren gehen. Dass wir sie bewusst zurückholen und uns einmal oder auch mehrmals am Tag fragen: Welche schönen Momente habe ich heute als Mutter oder Vater erlebt? In welcher Situation habe ich mich gut gefühlt? Was ist mir gelungen? Oder auch uns als Paar? Haben wir etwas Neues gelernt? Welchen glücklichen Moment gab es mit unserem Kind?

Nach einem anstrengenden Tag ist es gut, dass wir uns in einer stillen Minute an die Situation erinnern, in der das Baby nachmittags um drei gelächelt hat. Haben wir uns amüsiert oder Freude empfunden? Wann genau ging es meinem Baby heute gut und woran habe ich das gemerkt?

Melanie: Die Partnerschaft verändert sich mit einem Baby ja auch ganz schön….

Margareta: Und ob. Deshalb ist es auch gut, als Paar auch immer mal wieder in sich hineinzuhorchen und sich zu fragen: Gibt es vielleicht auch positive Veränderungen in der Partnerschaft? Was klappt besonders gut? Was klappt sogar besser, als erwartet? Und welche Momente genießen wir als Familie? Es geht darum, ein neues “Wir” als Eltern zu entwickeln.

Melanie: Nicht ganz einfach, wenn man als Paar vier Nächte hintereinander kaum schläft und wegen jedem Liter Milch, der noch zu besorgen wäre, aneinander gerät?

Margareta: Sicher. Das Auf und Ab im Erleben von guten und sehr stressigen Tagen mit einem oder mehreren Kindern ist meiner Meinung nach trotzdem unglaublich wichtig, um die ganz normalen Tage, an denen alles ganz gut läuft, auch als positiv, also mit einer gewissen Dankbarkeit wahrzunehmen.

Melanie: Du meinst, wenn wir vier Nächte kaum geschlafen haben…

Margareta: …dann genießt Ihr diese fünfte Nacht, die wieder eine gute ist, besonders. Und gleichzeitig macht ihr die wichtige Erfahrung: Wir haben als Paar und Eltern gemeinsam etwas Schwieriges geschafft.

Melanie: Vielen Dank für das schöne Gespräch, liebe Margareta.


Info: Über den “Beratungsraum Berlin” bietet Margareta Janz Coaching für Einzelpersonen an, Paarberatung, Eltern- und Familien-Beratung, eine Schreibaby-Ambulanz und Pekip-Kurse.

(Die Kosten für den Kurs, an dem ich über einige Monate mit meiner Tochter teilgenommen habe, wurden selbst getragen.)

Pyjama-Calls aus dem Home-Office

Die schönste Nachricht aus dem Homeoffice erreichte mich über meinen guten Freund Alex.

„Heute morgen um neun hatte ich einen Video-Call mit meinem Team. Rate mal, in welchem Aufzug sich eine Kollegin dazuschaltete?“ Ich kam nicht drauf. „Sie saß im Schneidersitz auf ihrem Bett und trug ein verwaschenes Motto-T-Shirt zu einer verschlissenen Pyjama-Hose“, sagte er fassungslos.

„Na und?“ Ich war beeindruckt. „Ist doch ziemlich lässig, oder nicht?“ Alex sah das anders. „Geht so. Ihre Haare waren definitiv nicht gekämmt. Die standen total Out-Of-Bed-mäßig und wirr in alle Himmelsrichtungen ab.“ Ich schmunzelte. Die Geschichte wurde ja immer besser. „Wahrscheinlich war sie eine Minute vor dem Call aufgewacht”, überlegte ich. “Und deshalb hatte die Kollegin doch wahrscheinlich gar keine andere Wahl, als sich schnell dazuzuschalten?“ Alex zögerte. „Kann schon sein“, räumte er dann ein. „Aber in so einem Fall würd’ ich mir doch wenigstens ein halbwegs seriöses Sweatshirt überwerfen und mich schnell aufs Sofa rübersetzen.“

„Kann es sein, dass sie gar kein Sofa hat? Hey, vielleicht lebt sie ja in einer WG?“ Darüber musste Alex jetzt erstmal nachdenken. „Sie ist noch unter dreißig. Klar, das könnte natürlich sein….“ Im Hintergrund gurgelte jetzt ein Espresso-Kocher, der gerade in Alex ultraschicker Single-Küche aufzukochen schien. „Trotzdem. Ihr müsste doch vollkommen klar sein, was ein solcher Aufzug für ein Signal auf mich als Ihren Vorgesetzten sendet.“ Alex klapperte kurz mit Porzellan herum. „Ich meine, die scheint mich ja gar nicht voll zu nehmen.“

„Aber sowas von  nicht…“, lachte ich. Dann tat mir Alex leid. „Ach, was. Ich würde den Vorfall nicht überbewerten. Ich mag an den Millenials ja, dass sie die angelsächsische Führungskultur, die in den meisten Firmen ja doch noch unterschwellig durchgezogen wird, obwohl bei jeder Team-Offsite das Gegenteil behauptet wird, einfach null Ernst nehmen.“

„Also, bei uns im Büro ist tatsächlich schon alles längst total agil und scrum und Zoom und Slack…“, verteidigte Alex sich. In der Telefonleitung sirrte jetzt ein Hand-Milchschäumer auf. „Weißt Du, das Neuste ist ja, dass einige aus meinem Team sich jetzt ständig für zweieinhalb Stunden lang in die Mittagspause verabschieden. Rate mal, wo die so lange sind?”

“Schnitzelessen im Borchardts?”

“Das dauert doch keine zweieinhalb Stunden”, sagte er. “Nein, nein, die mieten sich einen MINI und knattern zusammen an den KuDamm, um sich erstmal in aller Ruhe neue Sneakers zu holen.“

Ich musste lachen. „Kann doch sein, dass die einfach noch ein paar Überstunden abzubummeln hatten?”

„Hatten die nicht“, widersprach Alex mir. „Und das sind dann dieselben Gestalten, die sich in den brandneuen Hipster-Puschen ab 15 Uhr am Tischkicker das erste Bier aufmachen oder sich für den Rest des Tages in die Chill-Area werfen, um Playstation zu daddeln.“ Jetzt lachte auch Alex. „Und weißt Du was, im Zielvereinbarungsgespräch kann ich sowas noch nicht mal ansatzweise ansprechen.“

„Weshalb denn das nicht?“

„Weil Kritik bei uns im Team nur noch in anonymen 360-Grad-Votings ausgeübt werden soll.“ Das musste Alex mir jetzt erklären. „Wie, das kennst Du nicht?” Ich hörte ihn an seinem Kaffee schlürfen. “Also, es ist ganz einfach: alle loggen sich über ihre Rechner in ein Umfrageforumlar ein und behaupten dann anonym, dass sie permanent ausgebeutet werden oder du als ihr Chef eine komplette Voll-Niete bist, die möglichst schnell abgesägt werden sollte.“

„Moment!” Darüber hatte ich mal ein Buch gelesen. “War doch Google, die das 360-Grad-Voting mal eingeführt haben, richtig? Ich hatte gelesen, dass die geheimen Abstimmungen total fair sind. Und dass Mitarbeiter einen ja generell auch nicht immer auf Teufelkommraus absägen wollen.“

„Also, ich hab‘ da leider ganz andere Erfahrungen“, sagte Alex trocken. In seiner Leitung piepste es. „Ups, das ist mein Timer. Tut mir leid, aber ich muss in zwei Minuten in einen Video-Call mit einer wichtigen Kundin“, erklärte er mir jetzt etwas gehetzt.

„Ist die Pyjama-Kollegin wieder dabei?“, fragte ich schnell. „Ist sie!”, bestätigte er. “Ich hoff‘ nur, die hat sich inzwischen mal geduscht und was anderes übergeworfen. Hatte ja immerhin zwei Stunden Zeit.“

„Und wenn nicht?“

„Na, dann hält uns die Kundin, die bei einer großen Bank arbeitet und dort übrigens den Marketing-Etat für ganz Europa managed, wahrscheinlich für die unprofessionellste Schrott-Bude aller Zeiten.“

„Meinst du, die kündigen Euch dann den Agentur-Retainer?“

„Könnte gut sein“, sagte er nachdenklich. „Dann müssten wir die Agentur zwar erstmal verkleinern, aber das würde für ein paar Mitarbeiter dann wohl auch erstmal das Ende dieser zweieinhalbstündigen Shopping-Touren in den Nike-Store bedeuten.“

Ich lachte. „Wenn nach der Corona-Phase alles an die Wand fährt, gründen wir einfach was Neues! Los, sag ‘ja!’“

„Wäre auf jeden Fall dabei!“ Alex klang tatsächlich ziemlich begeistert. „Und dann bitte mal wieder eine Firma ohne Tischkicker und Playstation. Wir sind doch keine Vierzehn mehr.”

„Oder einfach mal umgekehrt!”, schlug ich vor. “Wir ballern die Räume einfach total ironisch zu mit Tischkickern, Playstations, Skate-Ramp, vollverglasten Getränke-Kühlschränken, Filterkaffeemaschinen im Siebziger-Look und agentureigenem Burgergrill.” Ich überlegte kurz. “Ach, ja, in den Eingangsbereich und in jedes einzelne Zimmer würd’ ich gern tischtennisplattengroße Flatscreens schrauben lassen, auf denen alle “Star Wars”-Folgen in Dauerschleife gezeigt werden.”

Alex war kurz baff. “Und was machen wir, wenn Kunden auf einen Termin bei uns in der Agentur bestehen? Das müssen wir ja wohl unbedingt verhindern…” Er hörte sich nicht gerade überzeugt an. “Im Ernst jetzt. Wie soll man denn bei einer Besprechung in einem Konfi, in dem doch nur noch ein paar zusammengeknüllte Simpsons-Boxershorts auf dem Fußboden fehlen, vor den Kunden rechtfertigen, dass man auf der nächsten Rechnung bitte erstmal schlappe 500.000 Euro für die strategische Neuentwicklung ihres Twitter-Accounts abkassieren müsste.”

“Ach, was!”, beruhigte ich ihn. “Die Kunden werden die Räume auf jeden Fall cool finden. Und einige raffen vermutlich auch gar nicht, dass wir es mit den Jugendzimmer-Gadgets vollkommen ironisch meinen.”

Alex gab sich geschlagen. “Alles klar, bin am Start.” Dann hatte er doch noch einen Einwand. “Weitere Mitarbeiter aber bitte nur, wenn sie uns vor Arbeitsantritt unterschreiben, dass sie sich nicht im Schlafanzug in die Video-Schalte einwählen. Ich ertrag’s einfach nicht, ist mir way too much. Los, versprich’s!”

“Ist hiermit versprochen”, sagte ich feierlich. Und dann legten wir auf.

(Animation: Studio Petersen)

Das Abitreffen

Wir stehen abends im Bad vor dem Waschbecken. B. putzt seine Zähne, ich verteile Reinigungsmilch im Gesicht. Alle Kinder schlafen.

Er: “Was dagegen, wenn ich morgen Abend Pommes und Fischstäbchen für uns alle mache?”

Ich: “Bist Du irre? Schon vergessen, dass ich im Juni dieses Abitreffen habe? Bis dahin muss meine Haut muss mindestens so leuchten, als wär’ ich gerade von einer zehnwöchigen Detox-Kur aus Bali zurück.”

B. schaut im Spiegel verständnislos zu mir rüber: “Abitreffen?”

Ich: “10 Jahre Abitur, Du weisst schon. Hab’ ich Dir doch erzählt.”

B. schrubbt nachdenklich weiter. Dann nimmt er die Zahnbürste aus dem Mund. “Zehn Jahre? Ganz ehrlich, da kann doch jetzt was nicht ganz stimmen…”

Ich (künstlich empört): “Weshalb denn nicht? ‘Türlich stimmt das!” Werfe mir hektisch mit den Händen etwas Wasser ins Gesicht, um Zeit zu gewinnen.

Als ich fertig bin: “OK, dann sind es eben keine zehn Jahre.” Ich drehe das Wasser ab. “Ist doch auch vollkommen wurscht”, sage ich, bevor ich mein Gesicht in einem frischen, weißen Handtuch abtrockne. “Worauf ich hinauswollte: ich muss bis dahin jedenfalls spektakulär aussehen!” Das Handtuch ist jetzt voller schwarzer Maskara-Flecken.

Er grinst ein weißes Zahnpastaschaumgrinsen. “Aber du siehst doch immer spektakulär aus.”

Wir schauen beide auf meine ölig-schwarz verschmierten Pandabärchen-Augen.

Ich: “Also, das ist jetzt glatt gelogen.” Öffne die Badezimmerkommode und krame Wattepads und Gesichtswasser heraus, um mir die Pandabärchen aus dem Gesicht zu schrubbeln.

“Jetzt mach’ Dir doch nicht so einen Stress.” B. hält seine Zahnbürste unter den Wasserhahn. “Die anderen sind doch in den letzten Jahren auch etwas…”, er schaut vorsichtig zu mir rüber, “…älter geworden.”

“Ist mir vollkommen wurscht, wie alt die anderen aussehen. Um DIE geht es doch gar nicht.” Ich werfe die schmutzigen Wattepads in den kleinen Mülleimer. “Es geht um mich. Um das, was ICH mal war. Und um das, was heute eigentlich noch von meinem früheren Selbst noch übrig ist.” Theatralisches Schweigen.

B. lacht. “Sorry, aber da komm’ ich jetzt gerade nicht mehr ganz mit. Aber sieh’ es doch mal so. Ihr trefft Euch doch eh tagsüber, oder nicht? Das wird sicher total lustig. Es gibt bestimmt ein bißchen Kaffee und Kuchen, jemand zeigt Fotos von früher, vielleicht schaut noch ein Mathe-Lehrer vorbei …”

Ich: “Das ist ja das Problem! Tagsüber sieht man doch noch beschissener aus. Wenn es dann auch noch regnet, sehe ich auf diesem ollen Molkerei-und-Käse-Hof, auf dem wir uns treffen, doch mindestens so aus, als wär’ ich knapp unter hundert.”

“Also, ich mach’ dann morgen die Fischstäbchen und die Pommes.” B. dreht sich um und geht durch die Badezimmer-Tür in die Diele.

“Hast Du denn keine Angst,” rufe ich hinterher, “dass ich da auf eine Jugendliebe treffe, mit der ich nach der Feier sofort Sex haben und ein neues Leben beginnen will?”

B. bleibt stehen. “Du meinst, so, wie L. das neulich passiert ist?”

Ich: “Genau!” L. hatte auf einem Abitreffen einen alten Schulfreund wiedergetroffen, mit dem sie sich auf Anhieb so gut verstand, dass er innerhalb von ein paar Tagen seine Frau verließ und die Scheidung einreichte, um mit L. zusammenzukommen. Beide sind sehr glücklich miteinander.

“Dass auf diesen Klassentreffen einige sofort miteinander abstürzen, ist doch klar”, sage ich. “Endlich trifft man mal auf Leute, die einen noch aus einer ganz anderen Zeit kennen. Einer Zeit, in der alle Freunde…”, meine Stimme klingt jetzt etwas brüchig, “… nach der Schule noch MTV geguckt haben. Und wenn jemand Geburtstag hatte, musste man sich mit Leuten noch auf eine Platte einigen, die einer von uns dann nachmittags bei Karstadt in der Husumer Innenstadt besorgt hat. Heute schenkt man sich doch nur noch ein Guthaben für einen dusseligen Amazon-Account.”

Mit Schwung schiebe ich die Kommode zu. Dabei klemme ich die schlauchartige Tüte mit den Wattepads ein. Ein paar Pads fallen aus der abgeknickten Tüte auf die Fliesen. “Würde mich wirklich null wundern, wenn sich auf dem Abitreffen einige fragen, wer denn eigentlich diese übernächtigte Stressbacke ist. Diese Person mit den fettigen Haaren und der grauen Haut, die den Kindern zuliebe ständig Fischstäbchen mit Pommes essen muss und die perfekte Assi-Mami fürs Privatfernsehen abgäbe.” Ich kratze mit dem Fingernagel einen festgetrockneten Zahnpastaspritzer vom Spiegel. “Vielleicht rufe ich morgen direkt mal bei RTL2 an. Könnte mir vorstellen, dass die einem noch 150,- Euro für zweieinhalb Sendeminuten mit Fluppe im Mundwinkel bei “Hartes Deutschland – Leben im Brennpunkt” zahlen…”

“Schon gut, ich mach’ uns Spaghetti.” B. kommt von der Diele ins Bad zurück und nimmt mich in den Arm. Er drückt mir einen Kuss auf die hochgeknotete Abschminkfrisur. “Kommst Du jetzt bitte ins Bett. Du baust gerade tierisch ab.”

Ich schalte das Licht aus. “Aber knutschen darf ich auf der Feier schon mal kurz? Muss ja nicht heißen, dass ich gleich mein ganzes Leben über Bord werfe…”

“Also, ich fänd’s krass scheiße,…” B. nimmt meine Hand und zieht mich aus dem Bad. “…aber wenn Du meinst, dass Du das auf dem Käsehof unbedingt machen musst.”

Im stockdunklen Schlafzimmer schleichen wir uns an unserer schnarchenden Tochter vorbei ins Doppelbett. Nachdem wir beide unser Kindle in den Händen halten und ein wenig gelesen haben, flüstere ich zu B. rüber: “Du musst Dir übrigens keine Gedanken machen. Bei Kaffee, Kuchen und Führung durch die Käserei kommt doch eh keine Stimmung auf, in der man unbedingt miteinander rummachen muss.” B. reagiert nicht. Zwei Sekunden später höre ich von seinem Kissen regelmässige Atemzüge, die nur vom leisen Schnarchen unserer Tochter übertönt werden.

Zeichnung: Studio PETERSEN

Winter an der Nordsee

Winter an der Nordsee.
Zeichnung: hellopetersen

In ein paar Tagen düse ich mit L. an die Nordsee. L. spricht schon seit Tagen von ihrem “Dreifahrrad”, dem Dreirad, dass ihre Oma gebraucht für sie bekommen hat und das L. nach unserem letzten Besuch leider bei Oma zurücklassen musste. Ich kann’s kaum erwarten, ein paar Tage an die Seeluft zu kommen. Ich freu’ mich schon auf die Couch meiner Eltern. Auf Pralinen, Kekse, unschlagbare Kuchen. Auf die zwanzig Zentimeter hohen Torten vom Bäcker aus dem Dorf nebenan. Auf Spaziergänge im Nieselregen und auf die hausgemachten Wiener Würstchen des Landschlachters um die Ecke.

Wenn wir’s vom Sofa in die Garage meiner Eltern schaffen, fahren wir auf jeden Fall mal auf dem Husumer Weihnachtsmarkt vorbei. Der ist zwar nicht groß und auch überhaupt nicht spektakulär (zwei Glühweinstände, ein Schwenkgrill mit Nürnberger Rostbratwürstchen, ein Stand für gebrannte Mandeln und ein kleines Kinderkarusell), hat aber in seiner praktisch-pragmatischen Aufmachung unter uns Nordfriesen einfach Tradition (O-Ton meines Mannes: “So einen winzigen Markt können sich auch echt nur Protestanten in die Stadt knallen.”)

Die meiste Zeit werden wir aber sicher zuhause verbringen. L. wird mit meinen Brüdern von morgens um sieben bis in die Abenddämmerung hinein mit ihrem “Dreifahrrad” den Feldweg hinter unserem Haus unsicher machen, während ich mir mit einem Plätzchenteller auf dem Schoß von meinen Eltern, Brüdern und meiner Schwägerin haarklein alle Szenen aus der Daily-Soap berichten lasse, die in Nordfriesland in den letzten Wochen ohne mit weitergelaufen ist.

Wenige Tage vor Weihnachten werden L. und ich dann alles wieder zusammenpacken und nach Berlin zurückknattern. Im Gepäck: Würstchen vom Landmetzger, Eier aus dem Hühnerstall meines Vaters, Äpfel aus dem Garten meiner Eltern, Stollen und Weihnachtsschokolade für den grauen Restwinter in Berlin. Solltet Ihr am Berliner Hauptbahnhof an meinem Rückreisetag auf eine etwas angestresste Mutter mit einem vollkommen überfrachteten Buggy stoßen, aus dem ein Kleinkind im Schneeanzug verzweifelt nach seinem “Dreifahrrad” ruft: winkt uns mal zu, das sind dann L. und ich!

Habt eine richtig schöne Zeit bis Weihnachten.

Erdbeersommer

Foto: PETERSEN

Meine Tage rasen nur so dahin. Kann sein, dass das nur so ein Gefühl ist. Und kann auch sein, dass ich manchmal entschieden zu viele Tassen Kaffee hintereinander wegtrinke. Aber immerhin halte ich mich als Mutter einer noch sehr kleinen Tochter an die von mir selbst aufgestellte Regel “Kein Kaffee nach 15 Uhr”. Jeder Kaffee, den ich mir etwa um 15.02 Uhr mache, führt in meinem Fall nur dazu, dass ich gegen 22.30 Uhr mit weit aufgerissenen Augen im Bett liege, an die Schlafzimmerdecke starre und mich verzweifelt frage, was ich allen achtundneunzig Leuten, die in den nächsten Wochen garantiert etwas für mich besorgen werden, in diesem Jahr eigentlich zu Weihnachten schenken soll.

Immerhin haben wir mit den Kindern schon vier Bleche Plätzchen gebacken. Während die großen Jungs sich routiniert ans Ausstechen machten, gelang es ihrer kleinen Schwester, 1,5 Jahre, mit erstaunlichem Geschick, den plattgerollten Plätzchenteig wieder vom Tisch abzuknibbeln und ihn sich immer dann fäustchenweise roh in den Mund zu stopfen, wenn keiner hinsah, weil wir anderen gerade mit den Plätzchenblechen am Ofen herumrangierten.

Mein Stiefsohn P. verknallte sich in diesem Jahr in die Ausstechförmchen, mit denen er ein großes X ausstechen konnte (siehe Foto oben: Riesen-Keks liegt oben links auf dem Blech). Das X-Ausstechförmchen ist ein Werbegeschenk, das ich vor ein paar Jahren von einem Messeveranstalter zugeschickt bekam, mit dem ich noch nie in direktem Kontakt stand und der mir also auch rein gar nichts sagt, obwohl er mir jedes Jahr aufs Neue schräge Werbegeschenke zukommen lässt, die ich zwei Tage vor Weihnachten in einem vollkommen überlaufenen Spätkauf mit angeschlossener DHL-Paketausgabe abholen muss. Zuhause bin ich beim Auspacken dann immer überrascht, wie sehr die Goodies des Messeveranstalters in die Kategorie “So bescheuert, dass sie als Marketingmaßnahme zur Kaltakquise von Kunden eigentlich nur mit Turboboost nach hinten losgehen können” fallen.

Dieser Messeveranstalter tut mir dann immer ein wenig leid. Ich nehme an, dass er an eine ultramittelmäßige Kommunikations-Agentur geraten ist, die wahrscheinlich ein vollkommen durchgeknalltes Jahresbudget aufruft, und dieses Budget folgendermaßen aufteilt:

98 Prozent: wandern direkt auf das Privatkonto des Inhabers der lausigen Kommunikations-Agentur.

1 Prozent: wird in Form eines untertariflichen Gehalts an die Mitarbeiter ausgezahlt.

1 Prozent: wird für schrottige Werbegeschenke ausgegeben, die sich der Inhaber der lausigen Agentur in Eigenregie ausdenkt, bevor die Mitarbeiter den Krempel über Nacht beschaffen und die DHL ihn dann kurz vor Weihnachten durch die Bundesrepublik zuckeln darf.

Wenn jemand aus dem Team des Messeveranstalters, der mir das X-Plätzchenförmchen schickte, diese Zeilen jetzt also gerade liest, möge er sich doch bitte mal ganz kurz melden. Ich kenne mindestens zwanzig kleine, unfassbar großartige Berliner Agenturen, die ziemlich genau wissen, wie man sich ein richtig gutes Kundengeschenk ausdenkt und es den Kunden im Anschluss auch noch so zukommen lässt, dass sie nicht unbedingt einen halben Tag ihrer Lebenszeit in der Schlange eines müffeligen Berliner Spätis verdödeln müssen.

Eigentlich wollte ich das X-Förmchen damals direkt in die gelbe Tonne werfen. Aber dann dachte ich mir, dass es aus Gründen der Nachhaltigkeit wohl sinnvoll wäre, es zu behalten, worauf ich es in die Schublade zu den Sternen, Tannenbäumen, Rentieren und allen anderen Plätzchenformen legte. Während mein Stiefsohn P., der am Samstag schon zehn Jahre alt wird, eine Menge X-Kekse ausstach, erklärte er mir, dass er das X auch deshalb so “nice” fände (ist ein Wort, das Zehnjährige heute alle zwei Minuten verwenden), weil es ihn an das Album “X” des Musikers Ed Sheeran erinnere.

Ich zuckte kurz zusammen. Das Album “X” beschallte vor ein paar Jahren eine zeitlang nonstop unsere Bude. Und wenn ich mich richtig erinnere, konnten wir damals nicht mal zur Tankstelle, nicht ins Olympiabad, nicht ins “Goodfriends” in die Kantstraße, also nirgendwo hinfahren, ohne, dass uns die Kinder zwangen, auf jeder verdammten Autofahrt die Karre mit der Platte von Ed Sheeran zuzudröhnen. Ich konnte Smash-Hits wie “Afire Love”, “Photograph” und “Nina” damals eine Weile rückwärts, seitwärts, ja, sogar im Handstand mitsingen und war tatsächlich kurz davor, mit der Geschäftsidee des Jahrhunderts reich zu werden:

Ich wollte einen eigenen youtube-Kanal aufmachen und als “Ed Sheeran”-Double grottenschlechte Cover-Versionen seiner bekanntesten Hits auf meinen Kanal hochladen.

Ich hätte definitiv etwas Geld in die Hand genommen, um ein paar Stunden Schauspielunterricht bei einem Schauspiellehrer mit Comedy-Hintergrund zu nehmen, der mit mir an einem leicht näseligen, schwäbisch-englischen Akzent gearbeitet hätte.

Außerdem hatte ich geplant, mir eine Perücke mit rostroter Kurzhaarfrisur aus dem Netz zu bestellen, sie über Nacht in einen Rasensprenger zu hängen und anschließend im Toaster zehn Sekunden anzurösten, bevor ich mit dem Ding auf dem Kopf in die nächstbeste Tram gesprungen wäre, um in einen Second-Hand-Laden zu fahren. Dort hätte ich mir ein Holzfällerhemd und ein T-Shirt mit kryptischem Aufdruck eines mittelmässigen Mediengestalters besorgt, bevor ich mich in einem Laden für Kindergeburtstagsbedarf nach tonnenweise Selbstklebe-Tattos umgesehen hätte. Auf den Tattos, mit denen ich mir zuhause Ed-Sheeran-mäßig die kompletten Arme zugetackert hätte, wären dann zum Beispiel lachende Pommestüten zu sehen, HotDogs, die einander gerade in den Würgegriff nehmen oder kleine Gespenster (<— ich LIEBE kleine Gespenster).

Aus dieser Geschäftsidee wurde leider bisher noch nichts, weil ich die siebenhundert topgeheimen Geschäftsideen, die ich in der Regel in krakeliger Schrift auf siebenhundert einzelnen Post-Its notiere und lose in einer zugemüllten Schreibtischschublade aufbewahre, ja fast nie in die Praxis umsetze. In den meisten Fällen ist es wahrscheinlich besser, aber manchmal eben auch fatal, wenn man bedenkt, wie vielversprechend die Ed-Sheeran-Double-Idee war.

Wenn ich mir vorstelle, dass all diese Firmen, die ihr Produkt supergern in meinen intergalaktisch erfolgreichen Youtube-Videos platziert und mir das Geld aktenkofferweise in die Hand gedrückt hätten, heute zu deutlich weniger talentierten Youtubern rennen, bekomme ich sofort ziemlich schlechte Laune.

Außerdem hätte es schon auch sein können, dass ich irgendwann eine Anfrage aus dem Kanzleramt in meinem E-Mail-Postfach vorgefunden hätte. In der Anfrage hätte man mir möglicherweise angeboten, dass die Bundeskanzlerin mich mal in meinem zum Youtube-Studio umgebauten Gästeklo besuchen könnte. Und darauf hätte ich mich wirklich gefreut. Ich meine: die Bundeskanzlerin! Bei mir zuhause! Im Gästeklo!

Zunächst hätte ich der Kanzlerin vermutlich angeboten, dass wir uns auf einen Kaffee zusammensetzen, ein paar X-Plätzchen mampfen und ein paar Gespenster-Tattoos auf unsere Unterarme kleben. Und hinterher hätten wir vor laufender Kamera zusammen “Tenerife Sea von Ed Sheeran für unsere youtube-Fans einsingen können. Das Knutsch- und Schmuselied würde die Bundeskanzlerin dann in korrekter Stimmlage singen, während ich sie einen Halbtonschritt tiefer begleite, krass dissonant und in einem näseligen Gemisch aus Schwänglisch (Schwäbisch-Englisch).

Egal. Es schlummern ja noch 699 weitere Geschäftsideen in meiner Schreibtischschublade. Vielleicht ziehe ich, wenn ich das nächste Mal meine Hand in die Schublade stecke und auf gut Glück ein Post-It herausziehe, ja die Idee heraus, bei der ich mir überlegt habe, wie unglaublich viel Spaß es machen würde, den ganzen Sommer lang mit einem Merchandise-Stand auf einem Erdbeerfeld herumzustehen.

Auf dem Stand wären die Produkte, also alle T-Shirts, Bettwäsche, Boxershorts, Schlüsselanhänger, Jutebeutel, Kaffeebecher, Strandmatten, Badehandtücher und so weiter, mit (und da kommt ihr jetzt wahrscheinlich NIE drauf!) Erdbeeren bedruckt. Richtig geniale Idee, oder? Ich weiss. Muss man erstmal drauf kommen. Auf dem Stand würde ich zwei Boxen aufstellen und die Erdbeerfelder um mich herum den ganzen Tag mit dem Song “Strawberry fields forever” volldröhnen. Ich würde laut Business-Plan so viel verticken, dass ich höchstwahrscheinlich nur im Sommer arbeiten müsste. Und das allerbeste an meinem Erdbeer-Merchandise-Stand (Namensvorschläge für das Business sind übrigens jederzeit willkommen): ich könnte morgens um zehn die 20-Liter-Glasterrine mit Erdbeerbowle rausstellen und sofort dazu übergehen, sie in Pappbechern an alle Freunde auszuschenken. Könnte ein ziemlich guter Sommer für uns werden.

Wieder zurück. Und nichts, wie es war.

Schwupps, hier bin ich wieder, bitte entschuldigt, hier ist EWIG nichts mehr passiert. Mir selbst kommts zwar vor, als hätte ich erst gestern den letzten Post hochgeladen. Aber ihr habt selbstverständlich recht: hier war’s in letzter Zeit mindestens so still, wie in der Kiste mit dem Weihnachtsschmuck, die wir Anfang Januar auf den Dachboden schleppen und bis Ende November sich selbst und den Mäusen überlassen, die hin und wieder den Pappdeckel anheben und im besten Fall nur kurz hineinluschern.

Ich hatte unendlich viele, schöne Ideen für das Blog in den letzten anderthalb Jahren. Aber ich hab’s einfach nicht geschafft, sie hier aufzuschreiben. Im April 2018 kam unsere Tochter zur Welt. Und die Zeit, die mir hinterher noch bleib für Jobs, an denen ich Spaß hatte, für den Petersen-Shop, die Illustrationen und alles, woran ich sonst noch so herumknispeln könnte, wenn ich nicht gerade für irgendeine offizielle Stelle irgendwelche mir aus vollkommen unerklärlichen Gründen verschollene Steuerunterlagen auftreiben muss, nun, diese noch vor anderthalb Jahren gefühlt so unerschöpfliche Zeit schnurrte sich nach der Geburt unseres Babies auf maximal zwei Minuten am Tag zusammen. Gut, sagen wir drei.

Drei Minuten, eine Zeitspanne, in der ich’s nach der Entbindung gerade mal schaffte, mich ich unter die Dusche zu stellen. War ein Tag ohne Haare waschen, versteht sich. Nachdem eine Schwester des Berliner Westend-Klinikums mir an einem sonnigen und unfaßbar warmen Tag im April 2018 wenige Minuten nach Mitternacht ein winziges, knautschiges und überraschend haarloses Bündel auf das verwaschene “Woodstock”-T-Shirt legte, das mein Mann ein paar Wochen zuvor aus Amerika mitgebracht und mir aus irgendeinem Grund im Vorwehenzimmer übergezogen hatte, war alles andere auch erstmal unwichtig. Und so blieb es auch für eine lange Zeit.

Plötzlich war da dieses ganz große Glück. Die stumme Dankbarkeit. Eine unendlichen Liebe. Mein Mann und ich schauten unser Baby an, hielten uns an den Händen, schwiegen. Während die Welt sich anderswo sicher weiterdrehte, stand sie in diesem Kreissaal im Berliner Stadtteil Westend jetzt mal ganz kurz still.

In dieser Sekunde hielt eine Schwester meinem Mann eine kleine Schere ins Gesicht. “Sie könnten Sie dann jetzt die Nabelschnur durchtrennen.”

B. schaute auf die blutschleimverschmierte Kordel, die mit dem Bauchnabel unserer Tochter verbunden war. Eine dicke, seerosenalgenartige Kordel, die deutlich schleimiger war, als ich sie vorgestellt hatte. Er scherzte noch kurz “Muss ich?”, worauf die Schwester ihn dermaßen fassungslos anstarrte, dass er sofort zur Schere griff. Als er L. mit Unterstützung der Schwester von mir abnabelte, fragte ich mich, ob ich wenige Wochen vor meinem achtunddreißigsten Geburtstag überhaupt alt genug sei, um die Verantwortung für ein dermaßen winziges Baby tragen zu können. Beantwortet habe ich mir diese Frage nicht mehr. Wenige Sekunden später übernahm meine Tochter die Regie. Erst über den Kreisssaal, dann über meinen Mann und mich.

Wenige Stunden, nachdem wir mit dem Baby aus dem Krankenhaus abgefahren waren und es uns zuhause gemütlich gemacht hatten, traf dann auch schon exakt das ein, was mir fast alle Mütter im Freundeskreis vorausgesagt hatten: Das Baby schrie und wir hatten keine Ahnung, wie wir das abstellen konnten.

Das Baby schrie und wir hatten keine Ahnung, wie wir das abstellen sollten.

“Wart’s ab,”, hatte eine Freundin erzählt, die drei Monate vorher ihr erstes Kind bekommen hatte, “du wirst schon froh sein, wenn du von dem zweiten oder dritten Becher entkoffeiniertem Kaffee, den du dir im Laufe des Tages in der Küche ja immer wieder hoffnungsfroh aufsetzt, wenigstens mal ein paar Schlucke trinken konntest, bevor Du den kalten Rest in die Spüle kippst.”

Andere rieten mir vor der Geburt: “Räum jetzt noch einmal alles auf. Klopp’ deine löchrigen Schlaf-T-Shirts in die Tonne. Mach’ die Steuerunterlagen für die letzten hundert Jahre fertig und gib sie vollständig (!) im Steuerbüro ab. Triff dich mit noch einmal mit allen Freunden. Und allen Bekannten. Oder triff dich mit allen, mit denen du weder befreundet noch bekannt bist, aber die du immer schon ganz gern mal kennengelernt hättest. Geh’ nochmal um Friseur. Lies noch schnell die spannendsten drei der vierzehn Bücher, die ungelesen auf deinem Nachttisch einstauben…”

Über die Ratschläge, die in einem unablässigen Strom auf mich einrauschten (und die ich selbstverständlich für vollkommen übertrieben hielt), war ich im Nachhinein unendlich dankbar.

Und das beste war: vieles schaffte ich vor L’s Geburt tatsächlich noch. Als sie zur Welt kam, hatte ich die Steuer fertig, meinen Kleiderschrank durchsortiert und alle ausgeleierten Schlüppis entsorgt. Ich war noch einmal bei meinem Lieblingsfriseur in der Sanderstrasse (schaffe ich heute leider nicht mehr) und traf mich bei dieser Gelegenheit mit Freundinnen, die in Kreuzberg wohnten (schaffe ich heute leider immer noch so viel seltener, als ich’s mir wünsche).

Ich las Bücher, die sich mit allem anderen befaßten, aber eben noch nicht mit Fragen rund ums Stillen, ums Pucken und um den kryptischen Schlafrhythmus von Säuglingen. Ich fuhr mit meinem Mann und seinen Kindern noch einmal über Weihnachten zu seiner Familie nach Irland, wo wir einen wunderbar entspannten Urlaub verbrachten und ich mir zehn Tage lang wünschte, ich könnte alle bitzeligen, alkoholhaltigen Getränke mittrinken, die mir permanent angeboten wurden.

Dreieinhalb Monate später kam unsere Tochter zur Welt. Sie wollte Milch trinken, brauchte anfangs acht frische Windeln am Tag und sie hasste ihren Stubenwagen so sehr, dass wir ihn rausschmissen.  Fortan steckten wir unsere Tochter vom Morgengrauen bis hin den späten Abend hinein in ihre Baby-Trage, die nach ein paar Tagen schon ganz eindeutig so etwas wie ihr “Wohnzimmer” geworden sein musste. Wieviele Kilometer mein Mann und ich mit der Babytrage im Wiegeschritt durch unsere Wohnung gekreiselt und geschuckelt sind, wird wahrscheinlich das bestgehütetste Geheimnis aller Zeiten zwischen uns und unseren Wohnzimmerdielen bleiben.

Irgendwann wurde unser Baby dann grösser. Sie hielt ein Stück Banane in den Händen, formte daraus nicht nur braune Matschbomben, sondern biss auch immer mal ab, musste also weniger gestillt werden und auch deutlich weniger gewickelt. Sie spielte plötzlich mit einer Schaufel und einem Eimer im Sand, schaukelte in der “Babyschaukel” und schüttelte nach einem ganzen Jahr, in dem sie regelrecht babytragensüchtig war, energisch den Kopf, wenn ich mich mit der Trage (ihrem “Wohnzimmer”!) zu ihr setzte.

L. geht jetzt in die Kita. Sie lernt dort spanisch und sagt morgens an dem kleinen Absperrgitter, das aus dem Umkleidebereich ins Spielzimmer führt,  “Adios, Mamaaaa..”, bevor sie in ihren Filzhausschuhen hinter dem Tresen des kleinen Kaufmannsladens verschwindet.

Am meisten bewegt mich, dass unsere Tochter heute selbst eine “Mama” ist. In der Kita wiegt sie die Puppen in den Schlaf und singt dazu ein Lied, bevor sie ihre “Babies” in die beiden winzigen Holzbettchen legt. Und wenn die Babies nicht schlafen wollen, dann trägt sie sie eben im Wiegeschritt in einem winzigen Ergo-Carrier für Puppen umher (Ja, das gibt’s! Ganz im Ernst. Sieht so niedlich aus! Die Puppen-Trage hat ein Elternpaar neulich der Kita gespendet!)

In der Zeit, in der L. in der Kita ist, habe ich – zumindest für ein paar Stunden – mein früheres Leben zurück. Ich trinke meinen Kaffee wieder heiß, auch den zweiten und den dritten am Tag. Ich treffe mich wieder mit Freunden in Kreuzberg und wenn ich wollte, könnte jederzeit bei meinem Friseur in der Sanderstraße anrufen und einen Termin vereinbaren. Der letzte Kita-Virus ist jedenfalls gerade überstanden.

Der Petersen-Shop soll in den nächsten Tagen noch etwas weihnachtlicher aussehen. Und auch hier, auf dem Petersen-Blog, soll jetzt endlich wieder mehr passieren. Hab’ ich mir jedenfalls fest vorgenommen. Also: Drückt mir die Daumen. Die Sternchen stehen ja irgendwie ganz gut, was meint Ihr?

Über das Wegwerfen von verschlissenen Leggins

 

Neulich dachte ich mir, ich versuch’s mal wieder mit Yoga. Ich fuhr in ein angesagtes Studio in Mitte, betrat die Umkleide und stieg in eine so richtig verwaschene American Apparel-Leggins.
Ich weiß, dass es längst an der Zeit wäre, die Dinger wegzutun. Aber seit der Pleite der amerikanischen Hipster-Kette kann ich mich aus für meinen Mann leider null nachvollziehbaren Gründen einfach nicht von den Stretch-Leggins trennen.

Die Gespräche zwischen B. und mir laufen da mittlerweile nach einem vollkommen festgefahrenen Schema ab:

Er: “Du hast doch so schöne Hosen im Schrank, mein Liebling…” (starrt auf die an den Knien furchtbar ausgebeulten Leggins, die ich trage)
Ich: “Die hab’ ich mir halt mal in New York gekauft.”
Er: “Wann? 1995???”
Ich: “Selbstverständlich nicht!”
Er (schiebt sich an der offenen Kühlschranktür eine Scheibe Salami in den Mund): “Ich will  ja nichts sagen, aber Du müsstest Dich in den Dingern mal von hinten sehen. Da sind die nämlich schon ganz schön durchsichtig (schmatz, schmatz).
Ich (leicht angefasst!): “Ich bin dann jetzt mal für ein paar Stunden weg.”
(Haustür fällt mit einem unfassbar lautem Knall ins Schloß.)

Nicht, dass mich diese Diskussionen unter Druck setzen würden. Und trotzdem fürchte ich, dass man es mit dem Herumgeschlumpfe in der Wohnung vielleicht nicht unbedingt übertreiben sollte, wenn man in einer festen Beziehung lebt oder miteinander verheiratet ist.

Der Mensch, der da jeden Morgen neben einem aufwacht, ist ja keine WG-Mitbewohnerin.

Es macht also weder Sinn, ihn ständig anzuherrschen, wenn er das Nutellla-Glas in seiner hektischen Ich-bin-Manager-und-Ach-Du-meine-Güte-hab-ichs-deshalb-mal-wieder-eilig-Art leergekratzt zurück in den Schrank stellt und kein neues besorgt. Noch muss er unbedingt wissen, wie sehr ich es liebe, mich, sobald er hektisch, hektisch auf einen Businesstrip abreist, mit einer unsexy Seesand-Mandel-Maske im Gesicht, einer Staffel der Serie “Entourage”, einer Maxi-Tüte Schokobons und einer abgewetzten Tigerenten-Wärmflasche unter die Bettdecke zu verziehen.

Eine WG-Mitbewohnerin würde das alles sicher für eine Weile verkraften, wenn man ihr ab und zu mal eine Flasche Wein und ein schweineteures, gut riechendes Beautyprodukt spendiert. Eine Ehe eher nicht.

Nach einigen, offen vor dem Ehepartner herumgeschlumpften Jahren kann es sehr gut sein, dass ich mir von B. einmal im Beisein eines chronisch zugekoksten Scheidungsanwalts anhören muss, ich hätte der Liebe meines Lebens gegenüber kein Interesse mehr gezeigt.

Nur deshalb sei B. in seiner Verzweiflung ja quasi dazu gezwungen gewesen, sich in die Arme und das Ikea-Bett einer 10 Jahre jüngeren und extrem heiß aufgestylten Schnalle zu werfen, die wahrscheinlich Bibi heißt und sich gerade einen Glitzerdiamanten-Sticker auf den Eckzahn hat kleben lassen, weil sie das “irgendwie witzig” fand.

Ich könnte bei diesem Anwaltstermin natürlich erwähnen, dass sich eine gewisse Person bei uns zuhause abends und am Wochenende seit Jahren in ausgebeulten Jogginghosen auf die Couch wirft, die englische Premier League streamt und sich parallel mit seinen Kumpels über WhatsApp blödelige Kommentare zum Spiel austauscht, während ich allein im Nebenzimmer sitze, Käsecracker esse, ein frühes Werk von Martin Walser lese und vergebens auf ein angeregtes Gespräch warte.

Und dann könnte ich vielleicht noch hinzufügen, dass mich die Proll-Phasen von B. trotzdem nie so schlimm abturnten, dass ich mir von einem echt heißen und frisch nach Berlin gezogenen Portugiesen (nur so ein Beispiel) , den ich über “Tinder” aufgekratzt hätte (wo ich zur Zeit selbstverständlich nicht angemeldet bin), in seiner Neuköllner 1,5-Zimmer-Bude mal zeigen ließ, was einer, der gerade erst 22 geworden ist (ich sag nur: alles wahrscheinlich noch mega straff!!!), eigentlich so für Moves auf seiner Kaltschaummatratze draufhat.

Aber solche Überlegungen behält man bei einem Termin mit dem Scheidungsanwalt vielleicht aus taktischen Gründen besser für sich, dachte ich, als ich mir im Yogastudio meinen dicken Wollpulli auszog und die superelektrisch in alle Himmelsrichtungen abstehenden Haare wieder in ein Zopfgummi zurückzwängte.

Ich sah mich um und stellte erleichtert fest, dass auch die anderen Mädels sich scheinbar nicht groß Gedanken über ihr Outfit gemacht hatten. Als alle die Umkleide verließen, folgte ich ihnen in einen dezent nach Räucherstäbchen duftenden Raum.

“Hi!”, sagte die Yoga-Lehrerin, die kurz nach uns durch die Tür schlüpfte. Sie war nicht besonders groß, trug ihr dunkelblondes, langes Haar offen und stellte sich im Vorbeigehen supernett mit “Ich bin Bettina. Wie geht’s Euch allen denn heute so?” vor.

Während Bettina eine CD in die Anlage schob und ein schmusiger Folksänger damit begann, ganz herzzerreißend über die unerwiderte Liebe zu einer längst anderweitig vergebenen Surfer-Braut zu singen, musste ich mich schwer zusammenreißen, um nicht unentwegt auf Bettinas Outfit zu starren: Sie trug eine schicke, schwarz-beige-braun gemusterte Leoparden-Leggins und ein schwarzes, extraweites Sweatshirt, das mit einem dezenten Totenkopf bedruckt war. Quer über dem verwaschenen Schädel las ich in einer punkigen und kein bißchen albernen Handschrift das Wort “Namasté”.

Die Klamotten, die sie trug, standen Bettina super. Sie waren lässig und sahen eins zu eins so aus, als wären sie von einem ehemaligen Super-Model entworfen worden, das mit 52 noch aussieht wie 28 und sich mit Verkäufen aus einer Yoga-Kollektion morgens vor dem Frühstück schon wieder ein kleines Vermögen dazuverdient.

Bettina drehte den Schmusesänger noch ein wenig lauter. Dann trabte sie mit kleinen Hüpfern auf ihre Matte. Wir falteten unsere Hände vors Herz und begannen, auf Bettinas Kommando in tiefen Zügen ein- und auszuatmen. Unauffällig starrte ich noch ein bißchen auf ihre Leoparden-Leggins. Dann schloß auch ich die Augen. Mein Atem beruhigte sich. Und ich kam tatsächlich ein bißchen runter.

Als wir fertig waren, zog ich mich um, stieg aufs Rad und beschloß auf dem Weg nach Hause, dass es jetzt vielleicht doch an der Zeit war, etwas zu ändern. Konnte es sein, dass es mir beim Yoga tatsächlich gelungen war, so etwas wie eine tief sitzende Blockade wegzuatmen? Ich öffnete die Tür zum Hof und rollte mit meinem Rad direkt vor die Mülltonnen. Dort riß ich sofort die Sporttasche auf und stopfte die verschlissene American-Apparel-Leggins in die schwarze Tonne.

Ich war schon im Treppenhaus, als ich nochmal runterging und mit meinem Handy ein Foto von den Leggins machte. Ich schickte es meinem Mann. Als ich die Wohnung aufschloß, bekam ich eine SMS mit einem nach oben gestreckten Daumen zurück.

“Wollen wir am Samstag abend mal wieder ausgehen?” textete ich ihm. “Nur wir zwei?” (Nicht, dass man mir im Büro des Scheidungsanwalts tatsächlich eines Tages vorwarf, ich wäre ständig zu sehr mit mir und meinen Käsecrackern beschäftigt gewesen.)

Mein Mann antwortete sofort mit einem großen, roten Herz. Kurz darauf folgte noch ein Smiley, auf dessen Augen zwei kleinere, verknallte Herzchen klebten.

Ich schickte ihm den kleinen, braun-weiß gefleckten Hund, der seine Zunge rausstreckt, weil mein Mann IMMER grinsen muss, wenn man ihm diesen Hund rüberbeamt. Und dann verlor ich mich im Netz auf einer absurd zeitintensiven Recherche nach der perfekten Leoprint-Leggins. So einer, wie Bettina sie trägt.

 

Und Ihr? Habt Ihr auch noch so schlumpfige Klamotten im Schrank, die längst in den Müll gehören? Schreibts mir an: melanie (at) hellopetersen.com !

Total royal

 

So gut, dass ich kein Mitglied der britschen Königsfamilie bin. Ich nehme an, ich wäre innerhalb eines Vierteljahres schwer tablettenabhängig, Alkoholikerin, schlimm traumatisiert – oder alles zusammen.

In schwachen Momenten habe ich mir zwar öfters mal vorgestellt, wie MEGAlässig es doch wäre, in einem Schloß zu leben.
Damals im Studium zum Beispiel. Eine Zeit, in der ich mich zum Monatsende in meiner Eimsbüttler Butze manchmal tagelang von Haferflocken ernährte und ab 18 Uhr viel im Dunklen herumsaß, weil ich dauernd fürchtete, meine derzeitige Mitbewohnerin könnte zu viel Strom verbrauchen und im Anschluß überraschend einen Erasmus-Austausch genehmigt bekommen, so dass ich zum Jahresende ganz allein auf einer Nachzahlung sitzenbliebe, die mich für die nächsten zwanzig Jahre vollkommen ruiniert hätte.

Am lässigsten wäre es, so stellte ich es mir bis vor kurzem noch vor, in einem Schloß leben zu dürfen. Einem Kasten, in dem man jederzeit eine uralte Uhr von der Wand nehmen und diese auf ebay Kleinanzeigen verticken könnte, wenn einen eine aberwitzig hohe Strom-Nachzahlung ereilte.

Auf die Krone, den Titel und den anderen Wichtig-Wichtig-Quatsch könnte ich zwar total gut verzichten. Am allerliebsten wäre es mir tatsächlich, ich dürfte im Schloß leben, ohne den Job der Queen machen zu müssen. Das ganze Am-Schreibtisch-In-Wichtigen-Papieren-Herumgeraschele und die Termine, auf denen man ständig mit dem Premierminister staubtrockene Plätzchen mampfen muss, braucht doch kein Mensch.

Wäre es nicht total genial, wenn man ein vollkommen drittklassiges Licht in der Monarchie darstellen würde? Eine Person, die so unwichtig wäre, dass sie ohnehin nie zum Seidenschleife-Durchschneiden oder Spatenstich-Buddeln in einer Charity-Einrichtung für sozial benachteiligte Katzenwaisen anrücken müsste?

Wie? Das wäre Euch zu unbedeutend? Mir überhaupt nicht. Von der dritten Reihe aus könnte man es sich auf dem Schloß doch so richtig entspannt machen. Zwei Tage die Woche würde ich zum Beispiel schon mal grundsätzlich im Schlafanzug verbringen. Montags und dienstags zum Beispiel.

Mittwochs könnte ich mich dann in einem blankgewienerten Rolls Royce aus dem königlichen Fuhrpark entweder in die Tate Gallery fahren lassen oder in die königlichen Reitställe.

Vor Ort würde mir das Reitstall-Team in einem hübschen, weißen Catering-Zelt zur Stärkung höchstwahrscheinlich erstmal ein kleines Picknick anbieten. Earl Grey-Tee also, literweise Ginger Ale mit Eis und hübsche, tramezziniartige Sandwiches, die der Caterer aus weißem Toastbrot mit abgeschnittener Kante zubereiten würde, hauchdünnen Gurkenscheiben und einer fingerdicken Schicht Worcestershire-Sauce.

Sobald ich mich gestärk hätte, würde mich ein echter Hottie (!) von Pferdetrainer auf ein Zuchtpferd setzen, das mindestens eine Zillion Euro kostet. Auf diesem Spitzentier könnte ich mich auf einem Sandplatz so lange im Kreis herumführen lassen, bis der Hottie sich bei mir über seine nervenaufreibende On-Off-Beziehung mit einer argentinischen Polo-Spielerin ausgeweint hätte.

Nach dem stressigen Psycho-Mittwoch wäre ich dann vermutlich auch erstmal platt.

Donnerstags und freitags würde ich also lange ausschlafen. Abends könnte ich im Schloß vielleicht ein kleines, privates Dinner geben. Ein Abendessen, das auf jeden Fall damit endet, dass alle strunzbesoffen zu David Bowie-Songs rumtanzen, bevor alle strunzbesoffen zu alten Liebesliedern von New Order miteinander rumknutschen.

So in etwa habe ich mir jahrelang den Alltag im britischen Königshaus vorgestellt.

“Also, hirnrissiger geht’s ja wohl nicht!”, kommentierte mein Mann diese, na ja, vielleicht etwas naive Vorstellung von einem Leben inmitten der Royals. Er drückte mir ein abgewetztes Buch in die Hand.
“Lies das. Und dann reden wir weiter.”, sagte er und wendete sich dann wieder seinem Lieblings-Kanal auf Youtube zu, auf dem klapprig-dürrer, italienischer Schlagzeuger ein meiner Meinung nach extrem langatmiges Schlagzeug-Solo vortrommelte.

Ich blätterte ein wenig in dem Buch, das ich jetzt in der Hand hielt. Es handelte sich um die Diana-Chronicles von Tina Brown. Sie ist die ehemalige Chefredakteurin der US-Vanity Fair und hat während der Recherchen zu diesem Buch mit Sicherheit mehr über Prinzessin Diana herausgefunden, als diese zu Lebzeiten jemals über sich selbst wußte.

“Was steht denn so drin?”, fragte ich und starrte auf ein Foto von Lady Diana, auf dem sie einen spitzenmäßigen, knallpinken 80er-Jahre-Sweater mit Schulterpolstern trug.

Diese Frage hätte ich nicht stellen sollen. Ab jetzt gab es tagelang kein Frühstück, kein romantisches Abendessen im Restaurant und keine Autofahrt an den Schlachtensee, auf der es meinem Mann nicht schon wieder gelang, das Gespräch auf sein neues Lieblingsthema, die “Diana Chronicles”, zu lenken (“Schatz, wußtest du eigentlich, dass dieser Dodi Al-Fayed die totale Koksnase war? Ja, is’ echt wahr. Wenn Du das Buch mal lesen würdest, wüßtest du das jetzt alles.”)

Wenig später entdeckten wir auf Netflix die beiden Staffel von “THE CROWN”. Wir sahen uns alle 20 Folgen an. Und dann begriff ich, dass mein Mann tatsächlich Recht hatte.

Es muss ja leider der absolute Horror sein, zum britischen Königshaus zu gehören. Die englischen Royals sind, so wird es in der Serie jedenfalls gezeigt, scheinbar so ultrafies drauf, dass es ihnen kein bißchen zu doof ist, den ganzen Tag lang auf beige-geblümten Sofas mit Laura-Ashley-Bezug hinter dem Rücken der anderen Familienmitglieder übereinander abzulästern.

Auch handelt es sich bei diesen Leuten offensichtlich um eine vollkommen verklemmte Spezies, die sich gegenseitig rein gar nichts, also nicht mal das Schwarze unter den Fingernägeln gönnt und – abgesehen von der genial durchgeknallten Partymaus Prinzessin Margret–, so steif ist, dass man echt null Lust drauf hat, im Rahmen eines Abendessens mal ein-zwei Lieder lang mit ihnen durch den Palast zu tanzen. Nicht mal, wenn jemand einen David Bowie-Song auflegt.

Und wozu tanzt Ihr abends gerade so?

Wer “The Crown” noch nicht kennt, sollte hier unbedingt mal reinschauen!

Illustration: hellopetersen // Foto: Netflix /via youtube

Berliner Partythemen

Neulich saß ich mit einer Schachtel “After Eight” auf dem Schoß vor dem Rechner und las ich mich durch ein paar Blogs, als mir auffiel, dass auf einem gar nichts mehr passierte. Ich überflog den letzten Eintrag und stellte fest, dass er aus dem September stammte.

Einige von uns erinnern sich vielleicht: das war der Monat, in dem draußen noch die Sonne schien und es selbst an bewölkteren Tagen noch möglich war, sich mit einer richtig guten Freundin und zwei Stücken „New York Cheesecake“ von Barcomi’s auf den Balkon zu setzen.

Genialerweise musste die Freundin einem damals beim Kuchenessen auch noch nicht mit einer funzeligen Taschenlampe auf den Teller leuchten, damit nicht so viel von der Gabel flutschte und runter auf die Straße flog.

Ach, ist das alles lang’ her! Ich las noch ein bißchen auf dem Blog herum, auf dem seither nichts mehr passiert war und fragte mich, ob man sich um die Bloggerin vielleicht sorgen müsse. Sofort steigerte ich mich in ein furchtbares Szenario hinein, das Probleme mit ihrem Freund oder Mann einschloß und den erneuten Wechsel einer Führungskraft im Büro, obwohl die Bloggerin sich doch möglicherweise gerade erst mit ihrer vollkommen geistesgestörten Vorgesetzten arrangiert hatte.

Und wenn es nicht an Beziehungsproblemen oder Terror im Büro liegen konnte, dann doch wohl nur daran, so bildete ich mir ein, dass die Bloggerin innerhalb von drei Monaten aus ihrer Wohnung ausziehen musste.

In anderen deutschen Städten mag es ja durchaus noch Leute geben, die den Verlust ihrer Wohnung yogimäßig gelassen und mit Würde ertragen. In Berlin bleibt einem nach einer Kündigung durch den Vermieter eigentlich nichts anderes übrig, als sich morgens um halb zehn drei doppelte Korn in die Rübe zu kippen und im Anschluß hysterisch schreiend die Torstraße rauf- und runterzurennen.

Mag also sein, dass es den Betroffenen in anderen Städten besser gelingt, sich einzureden, dass es eh mal wieder Zeit war für etwas Neues. Einen neuen Stadtteil, neue Fahrtwege ins Büro oder so. Ein neuer Arbeitsweg stellt auch für die Berliner gar kein Problem dar. Alle mir bekannten Menschen, die in Berlin leben, arbeiten in der Kreativ-Branche und sind mental durchaus in der Lage, sich innerhalb von Nanosekunden auf neue Lebensumstände einzustellen. Wer es gewohnt ist, von morgens bis abends alles in die Tonne zu kloppen, was am Tag zuvor noch mit dem Chef, dem Kunden oder dem Menschen, mit dem man zusammen ist, ganz fest so abgesprochen war, sollte eigentlich wirklich nicht daran verzweifeln, dass er demnächst umziehen muss.

Die positive Grundeinstellung meiner Berliner Freunde hält in letzter Zeit allerdings immer nur so lange an, bis sie bei Immoscout “Berlin”, “Wohnung” und “bis maximal 3000 Euro” eingegeben haben. Die  fünf-sechs mickrigen Buden in den äußersten Berliner Randbezirken, die einem im Anschluss auf dem Monitor entgegenflackern, sind nichts für sensible Kreativseelen, die sich morgens vor dem selbstgeschroteten Müsli schon gleich von einer kleinen, bierseligen Schreierei in der Nachbarwohnung den Tag verderben lassen, habe ich mir sagen lassen.

Vielleicht übertreibe ich jetzt auch ein bißchen, aber mittlerweile scheint es schon so zu sein, als werfe der unfreiwillige Verlust der Wohnung einen hier in Berlin in eine schlimmere Lebenskrise, als ein fremdgehender Ehemann oder eine Führungskraft, die einem mikrowellenschwere Aktenordner hinterher schmeißt, weil man es gewagt hatte, vor 22.30 Uhr das Büro zu verlassen.

Nicht, dass ich es statistisch belegen könnte, aber ich bin mir hundertprozentig sicher, dass neunundneunzig Prozent der Menschen, die in Berlin zur Miete leben, sich tatsächlich lieber nach einem neuen Partner oder einem neuen, noch durchgeknallteren Arbeitgeber umsehen würden, als nach einer neuen Wohnung.

Das ist zwar – wie gesagt – nur ein vollkommen subjektiver Eindruck. Wer es gern etwas genauer wissen möchte, muss sich am kommenden Wochenende allerdings nur mal auf zwei Mitte-Parties stellen, den Schlechte-Laune-Satz „Meine total nette Ernährungsberaterin muss dringend umziehen, hat jemand in letzter Zeit vielleicht mal was von einer bezahlbaren 3-Zimmer-Wohnung mit Wanne und Balkon in den üblichen Stadtteilen gehört?“ in die Runde werfen und ein Aufnahmegerät auf die Fensterbank legen. Jeder, der noch ganz bei Trost ist, entfernt sich jetzt in seinem eigenen Interesse sofort von seinem Aufnahmegerät und begibt sich zu der lustigen Gruppe in die Küche, die wahrscheinlich gerade das Berliner Party-Thema Nr.2 „Wie überlebe ich in einer polyamourösen Beziehung, ohne mich vor lauter Selbstzweifeln ständig in die Spree zu werfen“ am Wickel hat.

Könnte es also nicht tatsächlich sein, dass die Bloggerin seit September nicht mehr schreibt, weil sie aus ihrer Berliner Wohnung herausgeflogen ist? Vielleicht überlegt sie jetzt, ob es unter den gegebenen Umständen nicht vielleicht sogar leichter wäre, sich eine neue Existenz in einem ganz anderen Land aufzubauen.

Das könnte ich vollkommen nachvollziehen! Warum muss man sich in Berlin-Mitte von einem unverfrorenen Makler, der schlecht angezogen ist und aus dem Mund riecht, bei der Wohnungsbesichtigung alle zweieinhalb Sekunden auf den Arsch glotzen lassen, wenn man dasselbe doch auch in Buenos Aires, Honululu oder Kho Samui haben kann? Und dort steht man doch dann wenigstens in einer leeren Wohnung oder Hütte in Buenos Aires (!), Honululu (!) oder Kho Samui (!) herum und könnte sich in diesem Moment also wenigstens einbilden, das Ekel-Treffen mit dem Makler sei ein weiterer, nötiger Schritt zu einem ganz sagenhaft aufregenden Leben, das jetzt nur noch darauf warte, begonnen zu werden. Ein Gedanke, der sich einem nach einer Wohnungsbesichtigung in Berlin-Marzahn ja zur Zeit leider nicht unbedingt aufdrängt.

Wenn die Bloggerin jetzt also tatsächlich umziehen muss, weil der Eigentümer in ihrer bezahlbaren und unfassbar zentral gelegenen Wohnung eine schauspielernde Tochter aus dritter Ehe unterbringen will, dann wäre das schon ein mittelschweres Desaster.

Wahrscheinlich darf diese schauspielernde Tochter, die seit ihrer Entbindung daran gewöhnt ist, dass man ihr alles hinterherträgt, im Kiel-„Tatort“ als Komparsin ab und zu hinten links im Bild herumstehen und mit griesgrämiger Miene irgendwelche Papiere zusammentackern. Neulich habe ich gelesen, dass eine triste Bürosituation wie diese in TV-Krimis immer dann eingebaut wird, wenn der Regisseur ein bißchen deprimierenden Alltag auf dem Kommissariat zeigen möchte, damit einem in der nachfolgenden Szene erst recht das Blut in den Adern gefriert.

Nach der Szene auf dem vollgemüllten Depri-Polizeirevier kommt doch dann oft der gruselige Moment, in dem einen vor lauter Schreck darüber, dass der Täter schon wieder dem nächsten, ahnungslosen Opfer hinterherschleicht, die brandneuen und arschteuren Kontaktlinsen aus den Augen springen. Den glibschigen Dingern kann man von der Couch aus jetzt aber wenigstens dabei zusehen, wie sie sich die Ohren zuhalten, ins Bad schleichen, ohne Kreischerei Zähne putzen, sich freiwillig in ihre Reinigungslösung legen und noch ein bißchen in ihren Asterix-Comics blättern, während das nächste Mordopfer im Fernsehen jetzt garantiert bei Dämmerung mit einem schrottigen Fahrrad ohne Licht durch ein aberwitzig weit abgelegenes Waldstück zu seiner Oma fährt.

Ich wollte das Browserfenster gerade schließen, als ich bemerkte, dass es sich um mein eigenes Blog handelte, auf dem seit September nichts mehr passiert war. Ich ging in die Küche, warf die leeren „After Eight“-Papierkuverts in den Müll und beschloß, im neuen Jahr, das ja jetzt vor der Tür steht, wieder öfters zu bloggen. So lange ich noch eine Wohnung habe, aus der mich auch gerade keine Tatort-Komparsin herausscheucht, sollte ich die Zeit doch noch nutzen! Wer weiß, vielleicht muss ich am Ende sogar das Land verlassen. Und wie es auf der anderen Seite der Erde um die Internet-Verbindung in meiner Hütte bestellt wäre, kann ich gerade noch nicht so richtig einschätzen.

IN THE NAME OF LOVE: “Schatz, wollen wir mal wieder umziehen?”

PommesFrites

 

(Willkommen zur ersten Folge von “In The Name Of Love: Die deutsch-irische Beziehung. Die Kolumne erscheint ab sofort in unregelmäßiger Abfolge auf dem PETERSEN-Blog. )

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“In The Name Of Love”. Teil 1.

Schatz, wollen wir mal wieder umziehen? 

Wir wollen eigentlich nicht umziehen, aber manchmal wäre es eben doch ganz schön, noch ein viertes Zimmer zu haben.

„Ich hab`die perfekte Wohnung für uns gefunden“, sagt mein Mann und scrollt stolz durch die zehn Fotos, auf denen ein lichtdurchflutetes Dachgeschoss in Moabit zu sehen ist.

Ich schnappe mir sein Telefon. „Der Altbau kommt mir irgendwie bekannt vor?“ sage ich und zoome so dicht an den Grundriss heran, bis er schon ganz pixelig ist.

Zwei WhatsApps später stellt sich heraus, dass es tatsächlich dasselbe Mietshaus ist, in dem unsere sehr gute Freundin S. vor einer Weile die Wohnung einer Freundin einhütete. Unsere Freundin S. lebt mit ihrer Familie seit ein paar Jahren in Barcelona. Weil ihr Mann beruflich gerade unterwegs war, flog S. mit den beiden Jungs (4 und 6 Jahre) nach Berlin, um uns alle mal wieder zu besuchen.

Ihre Freundin war unterwegs. Deshalb hatte S. die Wohnung in Moabit mit den Kindern auch ganz für sich allein. Die Bude im Dachgeschoss muss echt der absolute Hammer gewesen sein. Bis S. eines nachmittags bei uns in der Küche von den Nachbarn erzählte.

„Tagsüber bin ich mit den Jungs ja eh immer unterwegs. Aber kaum setzen wir abends zu Hause einen Fuß in die Wohnung, klingelt das Paar aus der Wohnung unter uns auch schon an der Tür.”

„Ihr seid zu laut“, hatte die Frau, die in unserem Alter ist, geblafft. Meine Freundin warf einen unauffälligen Blick auf ihr Handgelenk. 20.15 Uhr. Ah ja. Moment! 20.15 Uhr???

Mochte ja sein, dass meine Freundin S. aus Barcelona mittlerweile anderes gewohnt war. Aber war Viertel nach acht in Deutschland denn jetzt das neue 22 Uhr?

Nein, war es nicht, beruhigten wir unsere Freundin schnell. Um Viertel nach acht musste man sich in  Berlin eigentlich für kaum etwas anblaffen lassen. Manch einer kam um diese Zeit doch erst von einer Party nach Hause, auf die er in der Absicht, nur mal kurz mit den Gastgebern anzustoßen, am Vorabend losgezogen war.

Von ihrer Freundin erfuhr S. später, dass die Nachbarin sich die Wohnung mit ihrem Mann zusammen gekauft hatte. Beim Kauf war ihnen leider nicht mitgeteilt worden, dass beim Ausbau der Wohnung über ihnen scheinbar ordentlich an Dämm- und Schallschutz gespart worden war. Jetzt hörten sie also jede einzelne Fruchtfliege, die in der Bude über ihnen vom Mülleimer auf den Holzfußboden plumpste, um dort auf der ungedämmten Diele vollgefressen einen fahren zu lassen.

Ich gebe meinem Mann das Handy zurück. Meine Skepsis steht mir wohl ins Gesicht geschrieben. Jedenfalls grinst er mich frech an und verkündet, dass er sich die Wohnung trotzdem mal ansehen werde.

„Gute Nachrichten!“ ruft er mir abends in Unterhose von der Couch aus über die Wochenend-Zusammenfassung der englischen Premier League hinweg zu. „Es ist nicht die Wohnung direkt über den Horrornachbarn. Sondern nur die daneben. Die Hoschis würden also nur schräg unter uns wohnen. Mit denen hätten wir gar nichts zu tun, Schatz.“

Dann macht er noch zwei übertrieben laute Knutscher in meine Richtung, was in unserer internen Pärchensprache so viel heißt wie “und auf das Argument, dass mich jetzt noch vom Gegenteil überzeugen soll, bin ich aber echt mal gespannt”. Er greift zur Fernbedienung, um die Glotze wieder lauter zu stellen.

Die Vorstellung, schräg über extrem lärmempfindlichen Leuten zu leben, finde ich zwar irgendwie beunruhigend. Aber das behalte ich lieber für mich. Neben diesem ultraentspannten Mann wirke ich aus irgendwelchen Gründen eh schon ständig, als gehörte ich eher zur “Glas Halbleer”-Fraktion, also zu all den anderen, deutschen Bedenkenträgern, die bei allem, was gerade erst begonnen hatte, Spaß zu machen, vor lauter Schiss sofort den Stecker ziehen.

Zwei Tage später steige ich also vollkommen unvoreingenommen aufs Rad, um mir selbst mal ein Bild von der Bude zu machen.

Die Maklerin, Mitte Fünfzig, dunkelblauer Hosenanzug, passende Pumps, Perlohrringe und blond durchgesträhnte Kurzhaarfrisur, kommt gleich zur Sache. „Die Wohnung ist wirklich ein Traum. 4 Zimmer, 2 Bäder, viel Platz auf der Dachterrasse, 115 Quadratmeter reine Wohnfläche, kleiner Hauswirtschaftsraum, Stauraum ohne Ende… Also, hier stimmt wirklich alles!“, sagt sie und breitet begeistert die Arme aus, so, wie es Angela Merkel in der “tagesschau” immer macht, wenn sie eine Gruppe Weltherrscher begrüßt.

Neugierig sehe ich mich um. Vier Zimmer wären eins mehr als bisher. Wir könnten es echt gut gebrauchen. Im Wohnzimmer ist ein offener Kamin eingebaut, in dem schon ein paar Holzscheite liegen. Im Winter könnt ich hier auf einem Sessel vor dem Feuer sicher stundenlang furchtbar wertvolle Romane lesen. Irgendwas von Henry James zum Beispiel, für den ich unter der Woche einfach nicht nötige Geduld aufbringe. Oder alle diese wundervoll traurigen Kurzgeschichtenbände von Alice Munro. Gedankenverloren trete ich an die bodentiefen Fenster. Auf der kleinen, quadratischen Dachterrasse vor mir sehe ich meinen Mann abends schon eine Handvoll Würstchen auf den Grill werfen.

„Haben die Leute, die hier vorher gewohnt haben, eigentlich irgendwas von den Nachbarn mitbekommen…“ frage ich beiläufig, während die Maklerin mir auf der teakholzgetäfelten Terrasse einen atemberaubenden Ausblick auf den Alexanderplatz und die Siegessäule zeigt.

„Ach, ob die hier ab und zu geklingelt haben? Von dieser Geschichte hat mir ihr Mann vorgestern schon erzählt. Nein, nein…,” winkt die nette Maklerin ab. “Die haben nicht ständig hier geklingelt. Also,… nicht, dass ich wüßte.”, fügt sie aber dann doch noch schnell hinzu. Freundlich zieht sie mich durch das Elternschlafzimmer ins daran angrenzende, kleinere Badezimmer, um mir die beiden “Zwillings-Waschbecken aus Naturstein” vorzuführen.

An den Rändern der beiden Naturstein-Waschbecken hat das Zähneputz- und Händewaschwasser über die Jahre leider schon so leicht milchig-weiße Ränder ins Holz gefräst.

Ich starre auf die häßlichen Wasserränder und überschlage im Hinterkopf direkt, wieviel es uns kosten würde, diese vollkommen unpraktische Waschtisch-Konstruktion eines Tages neu schreinern zu lassen. Ich kenne uns doch: keine zwei Wochen würden wir es durchhalten, das Ding jeden Abend nach dem Zähneputzen mit einer Handvoll Klopapier sofort wieder trockenzuwischen.

„Herzlichen Dank für die Besichtigung”, sage ich wenig später und lasse den Blick noch einmal durch die vollverglaste Wohnzimmerwand auf die Dachterrasse schweifen, auf den hellblauen Himmel über uns und auf die Bäume am Horizont, durch die vorhin die Siegesäule so golden hindurchglitzerte.

Im Treppenhaus stalke ich das Schuhregal des lärmempfindlichen Terrorpaars von unter uns. Zwei Paar Laufschuhe mittlerer Preisklasse, eine unbedruckte, eigentlich ganz okaye Fußmatte, ein blankgeputztes Messingschild mit den Nachnamen der Eigentümer. Bißchen spießig vielleicht. Aber eigentlich sieht der Krempel, der bei denen vor der Tür steht, ganz normal aus.

Beschwingt laufe ich die Treppe vom fünften Stock ins Erdgeschoss hinunter und sage mir, dass ich die Bedenken jetzt einfach mal alle über Bord werfen sollte. War doch eine Hammer-Wohnung!

Unten an den Briefkästen bleibe ich vor der Glasvitrine mit der Post von der Hausverwaltung hängen.

„Um die nachbarschaftliche Gemeinschaft wieder herzustellen, möchten wir darauf hinweisen, dass das Grillen im Sommer auf den Balkonen nicht öfter als 2 Mal im Monat zugelassen ist. Elektrische Grills sind von dieser Regel zwar ausgenommen, aber trotzdem sollte es untereinander Absprachen geben, um eine permanente Geruchsbelästigung der unbeteiligten Nachbarn zu vermeiden.“

Ich lese mir den Aushang einmal durch. Und noch einmal. Und dann raffe ich es endlich. Der Grill-Brief ist sowas wie ein Zeichen! Und das, was sich in mir regt, ist keine Bedenkenträgerei, sondern nur das pure Bauchgefühl. Wir werden hier einfach nicht reinpassen.

Mein Mann, seine Kids und ich, wir LIEBEN grillen. Im Sommer grillen wir nicht zwei Mal im Monat, sondern, wenn es draußen warm genug ist, oft auch zwei Mal am Tag. Gut, ich übertreibe hier jetzt ein bißchen. Aber Fakt ist: immer, wenn Würstchen im unteren Kühlschrankfach liegen, wird auch gegrillt. Ist eine unausgesprochene Familienregel.

Mein Mann legt beim Grillen meistens ein paar Schallplatten auf. Und Zimmerlautstärke kann man das, was da aus den Boxen herauskommt, eigentlich nicht mehr so richtig nennen. Ich glaube also kaum, dass wir die erste Seite der letzten „Daft Punk“-Platte überhaupt schon einmal umgedreht hätten, bevor es bei uns an der Tür Sturm bimmeln würde.

Mit einer Würstchensemmel in der Hand müssten mein Mann oder ich uns im Treppenhaus von den lärmempfindlichen Nachbarn von schräg unter uns oder von den grillempfindlichen Wutbürgern aus all den anderen Etagen zur Schnecke machen lassen. Sicher läge es an den Würstchen. Oder an der Musik. Oder am Ende doch nur daran, dass man so dreist wäre, sein Leben einfach ein bißchen zu genießen. Dass man die Muffen hätte, mal ein winziges bißchen über die Stränge zu schlagen in diesem Leben, dass ja so irre lang am Ende dann auch wieder nicht ist.

Als ich meinem Mann zuhause von dem Grillaushang erzähle, plumpst ihm fast der Topf mit der Béchamelsoße in die halbfertige Lasagne. „Also wenn wir uns eins nicht verbieten lassen, dann ist es ja wohl das Grillen“, sagt er fassungslos und rollt dabei das „R“ in „Grillen“ schon wieder so zauberhaft in seinem irischen Akzent, dass ich ihn ganz schnell an mich drücken muss.

(Foto: hausgemachte Pommes á la casa O’Connor)


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