Wieder zurück. Und nichts, wie es war.

Schwupps, hier bin ich wieder, bitte entschuldigt, hier ist EWIG nichts mehr passiert. Mir selbst kommts zwar vor, als hätte ich erst gestern den letzten Post hochgeladen. Aber ihr habt selbstverständlich recht: hier war’s in letzter Zeit mindestens so still, wie in der Kiste mit dem Weihnachtsschmuck, die wir Anfang Januar auf den Dachboden schleppen und bis Ende November sich selbst und den Mäusen überlassen, die hin und wieder den Pappdeckel anheben und im besten Fall nur kurz hineinluschern.

Ich hatte unendlich viele, schöne Ideen für das Blog in den letzten anderthalb Jahren. Aber ich hab’s einfach nicht geschafft, sie hier aufzuschreiben. Im April 2018 kam unsere Tochter zur Welt. Und die Zeit, die mir hinterher noch bleib für Jobs, an denen ich Spaß hatte, für den Petersen-Shop, die Illustrationen und alles, woran ich sonst noch so herumknispeln könnte, wenn ich nicht gerade für irgendeine offizielle Stelle irgendwelche mir aus vollkommen unerklärlichen Gründen verschollene Steuerunterlagen auftreiben muss, nun, diese noch vor anderthalb Jahren gefühlt so unerschöpfliche Zeit schnurrte sich nach der Geburt unseres Babies auf maximal zwei Minuten am Tag zusammen. Gut, sagen wir drei.

Drei Minuten, eine Zeitspanne, in der ich’s nach der Entbindung gerade mal schaffte, mich ich unter die Dusche zu stellen. War ein Tag ohne Haare waschen, versteht sich. Nachdem eine Schwester des Berliner Westend-Klinikums mir an einem sonnigen und unfaßbar warmen Tag im April 2018 wenige Minuten nach Mitternacht ein winziges, knautschiges und überraschend haarloses Bündel auf das verwaschene “Woodstock”-T-Shirt legte, das mein Mann ein paar Wochen zuvor aus Amerika mitgebracht und mir aus irgendeinem Grund im Vorwehenzimmer übergezogen hatte, war alles andere auch erstmal unwichtig. Und so blieb es auch für eine lange Zeit.

Plötzlich war da dieses ganz große Glück. Die stumme Dankbarkeit. Eine unendlichen Liebe. Mein Mann und ich schauten unser Baby an, hielten uns an den Händen, schwiegen. Während die Welt sich anderswo sicher weiterdrehte, stand sie in diesem Kreissaal im Berliner Stadtteil Westend jetzt mal ganz kurz still.

In dieser Sekunde hielt eine Schwester meinem Mann eine kleine Schere ins Gesicht. “Sie könnten Sie dann jetzt die Nabelschnur durchtrennen.”

B. schaute auf die blutschleimverschmierte Kordel, die mit dem Bauchnabel unserer Tochter verbunden war. Eine dicke, seerosenalgenartige Kordel, die deutlich schleimiger war, als ich sie vorgestellt hatte. Er scherzte noch kurz “Muss ich?”, worauf die Schwester ihn dermaßen fassungslos anstarrte, dass er sofort zur Schere griff. Als er L. mit Unterstützung der Schwester von mir abnabelte, fragte ich mich, ob ich wenige Wochen vor meinem achtunddreißigsten Geburtstag überhaupt alt genug sei, um die Verantwortung für ein dermaßen winziges Baby tragen zu können. Beantwortet habe ich mir diese Frage nicht mehr. Wenige Sekunden später übernahm meine Tochter die Regie. Erst über den Kreisssaal, dann über meinen Mann und mich.

Wenige Stunden, nachdem wir mit dem Baby aus dem Krankenhaus abgefahren waren und es uns zuhause gemütlich gemacht hatten, traf dann auch schon exakt das ein, was mir fast alle Mütter im Freundeskreis vorausgesagt hatten: Das Baby schrie und wir hatten keine Ahnung, wie wir das abstellen konnten.

Das Baby schrie und wir hatten keine Ahnung, wie wir das abstellen sollten.

“Wart’s ab,”, hatte eine Freundin erzählt, die drei Monate vorher ihr erstes Kind bekommen hatte, “du wirst schon froh sein, wenn du von dem zweiten oder dritten Becher entkoffeiniertem Kaffee, den du dir im Laufe des Tages in der Küche ja immer wieder hoffnungsfroh aufsetzt, wenigstens mal ein paar Schlucke trinken konntest, bevor Du den kalten Rest in die Spüle kippst.”

Andere rieten mir vor der Geburt: “Räum jetzt noch einmal alles auf. Klopp’ deine löchrigen Schlaf-T-Shirts in die Tonne. Mach’ die Steuerunterlagen für die letzten hundert Jahre fertig und gib sie vollständig (!) im Steuerbüro ab. Triff dich mit noch einmal mit allen Freunden. Und allen Bekannten. Oder triff dich mit allen, mit denen du weder befreundet noch bekannt bist, aber die du immer schon ganz gern mal kennengelernt hättest. Geh’ nochmal um Friseur. Lies noch schnell die spannendsten drei der vierzehn Bücher, die ungelesen auf deinem Nachttisch einstauben…”

Über die Ratschläge, die in einem unablässigen Strom auf mich einrauschten (und die ich selbstverständlich für vollkommen übertrieben hielt), war ich im Nachhinein unendlich dankbar.

Und das beste war: vieles schaffte ich vor L’s Geburt tatsächlich noch. Als sie zur Welt kam, hatte ich die Steuer fertig, meinen Kleiderschrank durchsortiert und alle ausgeleierten Schlüppis entsorgt. Ich war noch einmal bei meinem Lieblingsfriseur in der Sanderstrasse (schaffe ich heute leider nicht mehr) und traf mich bei dieser Gelegenheit mit Freundinnen, die in Kreuzberg wohnten (schaffe ich heute leider immer noch so viel seltener, als ich’s mir wünsche).

Ich las Bücher, die sich mit allem anderen befaßten, aber eben noch nicht mit Fragen rund ums Stillen, ums Pucken und um den kryptischen Schlafrhythmus von Säuglingen. Ich fuhr mit meinem Mann und seinen Kindern noch einmal über Weihnachten zu seiner Familie nach Irland, wo wir einen wunderbar entspannten Urlaub verbrachten und ich mir zehn Tage lang wünschte, ich könnte alle bitzeligen, alkoholhaltigen Getränke mittrinken, die mir permanent angeboten wurden.

Dreieinhalb Monate später kam unsere Tochter zur Welt. Sie wollte Milch trinken, brauchte anfangs acht frische Windeln am Tag und sie hasste ihren Stubenwagen so sehr, dass wir ihn rausschmissen.  Fortan steckten wir unsere Tochter vom Morgengrauen bis hin den späten Abend hinein in ihre Baby-Trage, die nach ein paar Tagen schon ganz eindeutig so etwas wie ihr “Wohnzimmer” geworden sein musste. Wieviele Kilometer mein Mann und ich mit der Babytrage im Wiegeschritt durch unsere Wohnung gekreiselt und geschuckelt sind, wird wahrscheinlich das bestgehütetste Geheimnis aller Zeiten zwischen uns und unseren Wohnzimmerdielen bleiben.

Irgendwann wurde unser Baby dann grösser. Sie hielt ein Stück Banane in den Händen, formte daraus nicht nur braune Matschbomben, sondern biss auch immer mal ab, musste also weniger gestillt werden und auch deutlich weniger gewickelt. Sie spielte plötzlich mit einer Schaufel und einem Eimer im Sand, schaukelte in der “Babyschaukel” und schüttelte nach einem ganzen Jahr, in dem sie regelrecht babytragensüchtig war, energisch den Kopf, wenn ich mich mit der Trage (ihrem “Wohnzimmer”!) zu ihr setzte.

L. geht jetzt in die Kita. Sie lernt dort spanisch und sagt morgens an dem kleinen Absperrgitter, das aus dem Umkleidebereich ins Spielzimmer führt,  “Adios, Mamaaaa..”, bevor sie in ihren Filzhausschuhen hinter dem Tresen des kleinen Kaufmannsladens verschwindet.

Am meisten bewegt mich, dass unsere Tochter heute selbst eine “Mama” ist. In der Kita wiegt sie die Puppen in den Schlaf und singt dazu ein Lied, bevor sie ihre “Babies” in die beiden winzigen Holzbettchen legt. Und wenn die Babies nicht schlafen wollen, dann trägt sie sie eben im Wiegeschritt in einem winzigen Ergo-Carrier für Puppen umher (Ja, das gibt’s! Ganz im Ernst. Sieht so niedlich aus! Die Puppen-Trage hat ein Elternpaar neulich der Kita gespendet!)

In der Zeit, in der L. in der Kita ist, habe ich – zumindest für ein paar Stunden – mein früheres Leben zurück. Ich trinke meinen Kaffee wieder heiß, auch den zweiten und den dritten am Tag. Ich treffe mich wieder mit Freunden in Kreuzberg und wenn ich wollte, könnte jederzeit bei meinem Friseur in der Sanderstraße anrufen und einen Termin vereinbaren. Der letzte Kita-Virus ist jedenfalls gerade überstanden.

Der Petersen-Shop soll in den nächsten Tagen noch etwas weihnachtlicher aussehen. Und auch hier, auf dem Petersen-Blog, soll jetzt endlich wieder mehr passieren. Hab’ ich mir jedenfalls fest vorgenommen. Also: Drückt mir die Daumen. Die Sternchen stehen ja irgendwie ganz gut, was meint Ihr?


Abonnieren Sie unseren PETERSEN-Newsletter! /
Stay in touch with us!