Total Royal

So gut, dass ich kein Mitglied der britschen Königsfamilie bin. Ich nehme an, ich wäre innerhalb eines Vierteljahres schwer tablettenabhängig, Alkoholikerin, schlimm traumatisiert… oder alles zusammen.

In schwachen Momenten habe ich mir zwar öfters mal vorgestellt, wie mega lässig es doch wäre, in einem Schloß zu leben. Damals im Studium zum Beispiel. Eine Zeit, in der ich mich zum Monatsende in meiner Eimsbüttler Wohnung manchmal tagelang von Haferflocken ernährte und ab 18 Uhr viel im Dunklen herumsaß, weil ich dauernd fürchtete, meine damalige Mitbewohnerin könnte zu viel Strom verbrauchen und im Anschluß überraschend einen Erasmus-Austausch genehmigt bekommen, so dass ich zum Jahresende ganz allein auf einer Nachzahlung sitzenbliebe, die mich für die nächsten zwanzig Jahre vollkommen ruiniert hätte.

Am lässigsten wäre es, so stellte ich es mir bis vor kurzem noch vor, in einem Schloß leben zu dürfen. Einem Kasten, in dem man jederzeit eine uralte Uhr von der Wand nehmen und diese auf ebay Kleinanzeigen verticken könnte, wenn einen eine aberwitzig hohe Strom-Nachzahlung ereilte.

Auf die Krone, den Titel und den anderen Wichtig-Wichtig-Quatsch könnte ich zwar total gut verzichten. Am allerliebsten wäre es mir tatsächlich, ich dürfte im Schloß leben, ohne den Job der Queen machen zu müssen. Das ganze Am-Schreibtisch-In-Wichtigen-Papieren-Herumgeraschele und die Termine, auf denen man ständig mit dem Premierminister staubtrockene Plätzchen mampfen muss, braucht doch kein Mensch.

Wäre es nicht total genial, wenn man ein vollkommen drittklassiges Licht in der Monarchie darstellen würde? Eine Person, die so unwichtig wäre, dass sie ohnehin nie zum Seidenschleife-Durchschneiden oder Spatenstich-Buddeln in einer Charity-Einrichtung für sozial benachteiligte Katzenwaisen anrücken müsste?

Wie? Das wäre Euch zu unbedeutend? Mir überhaupt nicht. Von der dritten Reihe aus könnte man es sich auf dem Schloß doch so richtig entspannt machen. Zwei Tage die Woche würde ich zum Beispiel schon mal grundsätzlich im Schlafanzug verbringen. Montags und dienstags zum Beispiel.

Mittwochs könnte ich mich dann in einem blankgewienerten Rolls Royce aus dem königlichen Fuhrpark entweder in die Tate Gallery fahren lassen oder in die königlichen Reitställe.

Vor Ort würde mir das Reitstall-Team in einem hübschen, weißen Catering-Zelt zur Stärkung höchstwahrscheinlich erstmal ein kleines Picknick anbieten. Earl Grey-Tee, literweise Ginger Ale mit Eis und hübsche, tramezziniartige Sandwiches, die der Caterer aus weißem Toastbrot mit abgeschnittener Kante zubereiten würde, hauchdünnen Gurkenscheiben und einer fingerdicken Schicht Worcestershire-Sauce.

Sobald ich mich gestärk hätte, würde mich ein echter Hottie (!) von Pferdetrainer auf ein Zuchtpferd setzen, das mindestens eine Zillion Euro kostet. Auf diesem Spitzentier würde ich mich auf einem Sandplatz so lange im Kreis herumführen lassen, bis der Hottie sich bei mir über seine nervenaufreibende On-Off-Beziehung mit einer argentinischen Polo-Spielerin ausgeweint hätte.

Nach dem stressigen Psycho-Mittwoch wäre ich dann vermutlich auch erstmal platt.

Donnerstags und freitags würde ich also lange ausschlafen. Abends könnte ich im Schloß vielleicht ein kleines, privates Dinner geben. Ein Abendessen, auf dem alle am Ende strunzbesoffen zu David Bowie-Songs rumtanzen, bevor alle strunzbesoffen zu alten Liebesliedern von New Order miteinander rumknutschen.

So in etwa habe ich mir jahrelang den Alltag im britischen Königshaus vorgestellt.

„Also, hirnrissiger geht’s ja wohl nicht!“, kommentierte mein Mann diese, na ja, vielleicht etwas naive Vorstellung von einem Leben inmitten der Royals. Er drückte mir ein abgewetztes Buch in die Hand.
„Lies das. Und dann reden wir weiter.“, sagte er und wendete sich dann wieder seinem Lieblings-Kanal auf Youtube zu, auf dem klapprig-dürrer, italienischer Schlagzeuger ein meiner Meinung nach extrem langatmiges Schlagzeug-Solo vortrommelte.

Ich blätterte ein wenig in dem Buch, das ich jetzt in der Hand hielt. Es handelte sich um die Diana-Chronicles von Tina Brown. Sie ist die ehemalige Chefredakteurin der US-Vanity Fair und hat während der Recherchen zu diesem Buch mit Sicherheit mehr über Prinzessin Diana herausgefunden, als diese zu Lebzeiten jemals über sich selbst wußte.

„Was steht denn so drin?“, fragte ich und starrte auf ein Foto von Lady Diana, auf dem sie einen spitzenmäßigen, knallpinken 80er-Jahre-Sweater mit Schulterpolstern trug.

Diese Frage hätte ich nicht stellen sollen. Ab jetzt gab es tagelang kein Frühstück, kein romantisches Abendessen im Restaurant und keine Autofahrt an den Schlachtensee, auf der es meinem Mann nicht schon wieder gelang, das Gespräch auf sein neues Lieblingsthema, die „Diana Chronicles“, zu lenken („Schatz, wußtest du eigentlich, dass dieser Dodi Al-Fayed die totale Koksnase war? Ja, is‘ echt wahr. Wenn Du das Buch mal lesen würdest, wüßtest du das jetzt alles.“)

Wenig später entdeckten wir auf Netflix die beiden Staffel von „THE CROWN“. Wir sahen uns alle 20 Folgen an. Und dann begriff ich, dass mein Mann vermutlich Recht hatte.

Es könnte der absolute Horror sein, zum britischen Königshaus zu gehören. Die englischen Royals sind, so wird es in der Serie jedenfalls gezeigt, so ultrafies , dass es ihnen kein bißchen zu doof ist, rund um die Uhr auf beige-geblümten Sofas mit Laura-Ashley-Bezügen hinter dem Rücken der anderen Familienmitglieder übereinander herzuziehen.

Auch handelt es sich bei diesen Leuten um eine Spezies, die sich gegenseitig rein gar nichts, also nicht mal das Schwarze unter den Fingernägeln gönnt und – abgesehen von der genial durchgeknallten Partymaus Prinzessin Margret–, so steif ist, dass ich echt null Lust drauf hätte, im Rahmen eines Abendessens mal ein-zwei Lieder lang mit ihnen durch den Palast zu tanzen. Nicht mal, wenn jemand einen David Bowie-Song auflegt.

Illustration: STUDIO PETERSEN