Erdbeersommer

Foto: PETERSEN

Meine Tage rasen nur so dahin. Kann sein, dass das nur so ein Gefühl ist. Und kann auch sein, dass ich manchmal entschieden zu viele Tassen Kaffee hintereinander wegtrinke. Aber immerhin halte ich mich als Mutter einer noch sehr kleinen Tochter an die von mir selbst aufgestellte Regel “Kein Kaffee nach 15 Uhr”. Jeder Kaffee, den ich mir etwa um 15.02 Uhr mache, führt in meinem Fall nur dazu, dass ich gegen 22.30 Uhr mit weit aufgerissenen Augen im Bett liege, an die Schlafzimmerdecke starre und mich verzweifelt frage, was ich allen achtundneunzig Leuten, die in den nächsten Wochen garantiert etwas für mich besorgen werden, in diesem Jahr eigentlich zu Weihnachten schenken soll.

Immerhin haben wir mit den Kindern schon vier Bleche Plätzchen gebacken. Während die großen Jungs sich routiniert ans Ausstechen machten, gelang es ihrer kleinen Schwester, 1,5 Jahre, mit erstaunlichem Geschick, den plattgerollten Plätzchenteig wieder vom Tisch abzuknibbeln und ihn sich immer dann fäustchenweise roh in den Mund zu stopfen, wenn keiner hinsah, weil wir anderen gerade mit den Plätzchenblechen am Ofen herumrangierten.

Mein Stiefsohn P. verknallte sich in diesem Jahr in die Ausstechförmchen, mit denen er ein großes X ausstechen konnte (siehe Foto oben: Riesen-Keks liegt oben links auf dem Blech). Das X-Ausstechförmchen ist ein Werbegeschenk, das ich vor ein paar Jahren von einem Messeveranstalter zugeschickt bekam, mit dem ich noch nie in direktem Kontakt stand und der mir also auch rein gar nichts sagt, obwohl er mir jedes Jahr aufs Neue schräge Werbegeschenke zukommen lässt, die ich zwei Tage vor Weihnachten in einem vollkommen überlaufenen Spätkauf mit angeschlossener DHL-Paketausgabe abholen muss. Zuhause bin ich beim Auspacken dann immer überrascht, wie sehr die Goodies des Messeveranstalters in die Kategorie “So bescheuert, dass sie als Marketingmaßnahme zur Kaltakquise von Kunden eigentlich nur mit Turboboost nach hinten losgehen können” fallen.

Dieser Messeveranstalter tut mir dann immer ein wenig leid. Ich nehme an, dass er an eine ultramittelmäßige Kommunikations-Agentur geraten ist, die wahrscheinlich ein vollkommen durchgeknalltes Jahresbudget aufruft, und dieses Budget folgendermaßen aufteilt:

98 Prozent: wandern direkt auf das Privatkonto des Inhabers der lausigen Kommunikations-Agentur.

1 Prozent: wird in Form eines untertariflichen Gehalts an die Mitarbeiter ausgezahlt.

1 Prozent: wird für schrottige Werbegeschenke ausgegeben, die sich der Inhaber der lausigen Agentur in Eigenregie ausdenkt, bevor die Mitarbeiter den Krempel über Nacht beschaffen und die DHL ihn dann kurz vor Weihnachten durch die Bundesrepublik zuckeln darf.

Wenn jemand aus dem Team des Messeveranstalters, der mir das X-Plätzchenförmchen schickte, diese Zeilen jetzt also gerade liest, möge er sich doch bitte mal ganz kurz melden. Ich kenne mindestens zwanzig kleine, unfassbar großartige Berliner Agenturen, die ziemlich genau wissen, wie man sich ein richtig gutes Kundengeschenk ausdenkt und es den Kunden im Anschluss auch noch so zukommen lässt, dass sie nicht unbedingt einen halben Tag ihrer Lebenszeit in der Schlange eines müffeligen Berliner Spätis verdödeln müssen.

Eigentlich wollte ich das X-Förmchen damals direkt in die gelbe Tonne werfen. Aber dann dachte ich mir, dass es aus Gründen der Nachhaltigkeit wohl sinnvoll wäre, es zu behalten, worauf ich es in die Schublade zu den Sternen, Tannenbäumen, Rentieren und allen anderen Plätzchenformen legte. Während mein Stiefsohn P., der am Samstag schon zehn Jahre alt wird, eine Menge X-Kekse ausstach, erklärte er mir, dass er das X auch deshalb so “nice” fände (ist ein Wort, das Zehnjährige heute alle zwei Minuten verwenden), weil es ihn an das Album “X” des Musikers Ed Sheeran erinnere.

Ich zuckte kurz zusammen. Das Album “X” beschallte vor ein paar Jahren eine zeitlang nonstop unsere Bude. Und wenn ich mich richtig erinnere, konnten wir damals nicht mal zur Tankstelle, nicht ins Olympiabad, nicht ins “Goodfriends” in die Kantstraße, also nirgendwo hinfahren, ohne, dass uns die Kinder zwangen, auf jeder verdammten Autofahrt die Karre mit der Platte von Ed Sheeran zuzudröhnen. Ich konnte Smash-Hits wie “Afire Love”, “Photograph” und “Nina” damals eine Weile rückwärts, seitwärts, ja, sogar im Handstand mitsingen und war tatsächlich kurz davor, mit der Geschäftsidee des Jahrhunderts reich zu werden:

Ich wollte einen eigenen youtube-Kanal aufmachen und als “Ed Sheeran”-Double grottenschlechte Cover-Versionen seiner bekanntesten Hits auf meinen Kanal hochladen.

Ich hätte definitiv etwas Geld in die Hand genommen, um ein paar Stunden Schauspielunterricht bei einem Schauspiellehrer mit Comedy-Hintergrund zu nehmen, der mit mir an einem leicht näseligen, schwäbisch-englischen Akzent gearbeitet hätte.

Außerdem hatte ich geplant, mir eine Perücke mit rostroter Kurzhaarfrisur aus dem Netz zu bestellen, sie über Nacht in einen Rasensprenger zu hängen und anschließend im Toaster zehn Sekunden anzurösten, bevor ich mit dem Ding auf dem Kopf in die nächstbeste Tram gesprungen wäre, um in einen Second-Hand-Laden zu fahren. Dort hätte ich mir ein Holzfällerhemd und ein T-Shirt mit kryptischem Aufdruck eines mittelmässigen Mediengestalters besorgt, bevor ich mich in einem Laden für Kindergeburtstagsbedarf nach tonnenweise Selbstklebe-Tattos umgesehen hätte. Auf den Tattos, mit denen ich mir zuhause Ed-Sheeran-mäßig die kompletten Arme zugetackert hätte, wären dann zum Beispiel lachende Pommestüten zu sehen, HotDogs, die einander gerade in den Würgegriff nehmen oder kleine Gespenster (<— ich LIEBE kleine Gespenster).

Aus dieser Geschäftsidee wurde leider bisher noch nichts, weil ich die siebenhundert topgeheimen Geschäftsideen, die ich in der Regel in krakeliger Schrift auf siebenhundert einzelnen Post-Its notiere und lose in einer zugemüllten Schreibtischschublade aufbewahre, ja fast nie in die Praxis umsetze. In den meisten Fällen ist es wahrscheinlich besser, aber manchmal eben auch fatal, wenn man bedenkt, wie vielversprechend die Ed-Sheeran-Double-Idee war.

Wenn ich mir vorstelle, dass all diese Firmen, die ihr Produkt supergern in meinen intergalaktisch erfolgreichen Youtube-Videos platziert und mir das Geld aktenkofferweise in die Hand gedrückt hätten, heute zu deutlich weniger talentierten Youtubern rennen, bekomme ich sofort ziemlich schlechte Laune.

Außerdem hätte es schon auch sein können, dass ich irgendwann eine Anfrage aus dem Kanzleramt in meinem E-Mail-Postfach vorgefunden hätte. In der Anfrage hätte man mir möglicherweise angeboten, dass die Bundeskanzlerin mich mal in meinem zum Youtube-Studio umgebauten Gästeklo besuchen könnte. Und darauf hätte ich mich wirklich gefreut. Ich meine: die Bundeskanzlerin! Bei mir zuhause! Im Gästeklo!

Zunächst hätte ich der Kanzlerin vermutlich angeboten, dass wir uns auf einen Kaffee zusammensetzen, ein paar X-Plätzchen mampfen und ein paar Gespenster-Tattoos auf unsere Unterarme kleben. Und hinterher hätten wir vor laufender Kamera zusammen “Tenerife Sea von Ed Sheeran für unsere youtube-Fans einsingen können. Das Knutsch- und Schmuselied würde die Bundeskanzlerin dann in korrekter Stimmlage singen, während ich sie einen Halbtonschritt tiefer begleite, krass dissonant und in einem näseligen Gemisch aus Schwänglisch (Schwäbisch-Englisch).

Egal. Es schlummern ja noch 699 weitere Geschäftsideen in meiner Schreibtischschublade. Vielleicht ziehe ich, wenn ich das nächste Mal meine Hand in die Schublade stecke und auf gut Glück ein Post-It herausziehe, ja die Idee heraus, bei der ich mir überlegt habe, wie unglaublich viel Spaß es machen würde, den ganzen Sommer lang mit einem Merchandise-Stand auf einem Erdbeerfeld herumzustehen.

Auf dem Stand wären die Produkte, also alle T-Shirts, Bettwäsche, Boxershorts, Schlüsselanhänger, Jutebeutel, Kaffeebecher, Strandmatten, Badehandtücher und so weiter, mit (und da kommt ihr jetzt wahrscheinlich NIE drauf!) Erdbeeren bedruckt. Richtig geniale Idee, oder? Ich weiss. Muss man erstmal drauf kommen. Auf dem Stand würde ich zwei Boxen aufstellen und die Erdbeerfelder um mich herum den ganzen Tag mit dem Song “Strawberry fields forever” volldröhnen. Ich würde laut Business-Plan so viel verticken, dass ich höchstwahrscheinlich nur im Sommer arbeiten müsste. Und das allerbeste an meinem Erdbeer-Merchandise-Stand (Namensvorschläge für das Business sind übrigens jederzeit willkommen): ich könnte morgens um zehn die 20-Liter-Glasterrine mit Erdbeerbowle rausstellen und sofort dazu übergehen, sie in Pappbechern an alle Freunde auszuschenken. Könnte ein ziemlich guter Sommer für uns werden.


Abonnieren Sie unseren PETERSEN-Newsletter! /
Stay in touch with us!