Das Abitreffen

Wir stehen abends im Bad vor dem Waschbecken. B. putzt seine Zähne, ich verteile Reinigungsmilch im Gesicht. Alle Kinder schlafen.

Er: “Was dagegen, wenn ich morgen Abend Pommes und Fischstäbchen für uns alle mache?”

Ich: “Bist Du irre? Schon vergessen, dass ich im Juni dieses Abitreffen habe? Bis dahin muss meine Haut muss mindestens so leuchten, als wär’ ich gerade von einer zehnwöchigen Detox-Kur aus Bali zurück.”

B. schaut im Spiegel verständnislos zu mir rüber: “Abitreffen?”

Ich: “10 Jahre Abitur, Du weisst schon. Hab’ ich Dir doch erzählt.”

B. schrubbt nachdenklich weiter. Dann nimmt er die Zahnbürste aus dem Mund. “Zehn Jahre? Ganz ehrlich, da kann doch jetzt was nicht ganz stimmen…”

Ich (künstlich empört): “Weshalb denn nicht? ‘Türlich stimmt das!” Werfe mir hektisch mit den Händen etwas Wasser ins Gesicht, um Zeit zu gewinnen.

Als ich fertig bin: “OK, dann sind es eben keine zehn Jahre.” Ich drehe das Wasser ab. “Ist doch auch vollkommen wurscht”, sage ich, bevor ich mein Gesicht in einem frischen, weißen Handtuch abtrockne. “Worauf ich hinauswollte: ich muss bis dahin jedenfalls spektakulär aussehen!” Das Handtuch ist jetzt voller schwarzer Maskara-Flecken.

Er grinst ein weißes Zahnpastaschaumgrinsen. “Aber du siehst doch immer spektakulär aus.”

Wir schauen beide auf meine ölig-schwarz verschmierten Pandabärchen-Augen.

Ich: “Also, das ist jetzt glatt gelogen.” Öffne die Badezimmerkommode und krame Wattepads und Gesichtswasser heraus, um mir die Pandabärchen aus dem Gesicht zu schrubbeln.

“Jetzt mach’ Dir doch nicht so einen Stress.” B. hält seine Zahnbürste unter den Wasserhahn. “Die anderen sind doch in den letzten Jahren auch etwas…”, er schaut vorsichtig zu mir rüber, “…älter geworden.”

“Ist mir vollkommen wurscht, wie alt die anderen aussehen. Um DIE geht es doch gar nicht.” Ich werfe die schmutzigen Wattepads in den kleinen Mülleimer. “Es geht um mich. Um das, was ICH mal war. Und um das, was heute eigentlich noch von meinem früheren Selbst noch übrig ist.” Theatralisches Schweigen.

B. lacht. “Sorry, aber da komm’ ich jetzt gerade nicht mehr ganz mit. Aber sieh’ es doch mal so. Ihr trefft Euch doch eh tagsüber, oder nicht? Das wird sicher total lustig. Es gibt bestimmt ein bißchen Kaffee und Kuchen, jemand zeigt Fotos von früher, vielleicht schaut noch ein Mathe-Lehrer vorbei …”

Ich: “Das ist ja das Problem! Tagsüber sieht man doch noch beschissener aus. Wenn es dann auch noch regnet, sehe ich auf diesem ollen Molkerei-und-Käse-Hof, auf dem wir uns treffen, doch mindestens so aus, als wär’ ich knapp unter hundert.”

“Also, ich mach’ dann morgen die Fischstäbchen und die Pommes.” B. dreht sich um und geht durch die Badezimmer-Tür in die Diele.

“Hast Du denn keine Angst,” rufe ich hinterher, “dass ich da auf eine Jugendliebe treffe, mit der ich nach der Feier sofort Sex haben und ein neues Leben beginnen will?”

B. bleibt stehen. “Du meinst, so, wie L. das neulich passiert ist?”

Ich: “Genau!” L. hatte auf einem Abitreffen einen alten Schulfreund wiedergetroffen, mit dem sie sich auf Anhieb so gut verstand, dass er innerhalb von ein paar Tagen seine Frau verließ und die Scheidung einreichte, um mit L. zusammenzukommen. Beide sind sehr glücklich miteinander.

“Dass auf diesen Klassentreffen einige sofort miteinander abstürzen, ist doch klar”, sage ich. “Endlich trifft man mal auf Leute, die einen noch aus einer ganz anderen Zeit kennen. Einer Zeit, in der alle Freunde…”, meine Stimme klingt jetzt etwas brüchig, “… nach der Schule noch MTV geguckt haben. Und wenn jemand Geburtstag hatte, musste man sich mit Leuten noch auf eine Platte einigen, die einer von uns dann nachmittags bei Karstadt in der Husumer Innenstadt besorgt hat. Heute schenkt man sich doch nur noch ein Guthaben für einen dusseligen Amazon-Account.”

Mit Schwung schiebe ich die Kommode zu. Dabei klemme ich die schlauchartige Tüte mit den Wattepads ein. Ein paar Pads fallen aus der abgeknickten Tüte auf die Fliesen. “Würde mich wirklich null wundern, wenn sich auf dem Abitreffen einige fragen, wer denn eigentlich diese übernächtigte Stressbacke ist. Diese Person mit den fettigen Haaren und der grauen Haut, die den Kindern zuliebe ständig Fischstäbchen mit Pommes essen muss und die perfekte Assi-Mami fürs Privatfernsehen abgäbe.” Ich kratze mit dem Fingernagel einen festgetrockneten Zahnpastaspritzer vom Spiegel. “Vielleicht rufe ich morgen direkt mal bei RTL2 an. Könnte mir vorstellen, dass die einem noch 150,- Euro für zweieinhalb Sendeminuten mit Fluppe im Mundwinkel bei “Hartes Deutschland – Leben im Brennpunkt” zahlen…”

“Schon gut, ich mach’ uns Spaghetti.” B. kommt von der Diele ins Bad zurück und nimmt mich in den Arm. Er drückt mir einen Kuss auf die hochgeknotete Abschminkfrisur. “Kommst Du jetzt bitte ins Bett. Du baust gerade tierisch ab.”

Ich schalte das Licht aus. “Aber knutschen darf ich auf der Feier schon mal kurz? Muss ja nicht heißen, dass ich gleich mein ganzes Leben über Bord werfe…”

“Also, ich fänd’s krass scheiße,…” B. nimmt meine Hand und zieht mich aus dem Bad. “…aber wenn Du meinst, dass Du das auf dem Käsehof unbedingt machen musst.”

Im stockdunklen Schlafzimmer schleichen wir uns an unserer schnarchenden Tochter vorbei ins Doppelbett. Nachdem wir beide unser Kindle in den Händen halten und ein wenig gelesen haben, flüstere ich zu B. rüber: “Du musst Dir übrigens keine Gedanken machen. Bei Kaffee, Kuchen und Führung durch die Käserei kommt doch eh keine Stimmung auf, in der man unbedingt miteinander rummachen muss.” B. reagiert nicht. Zwei Sekunden später höre ich von seinem Kissen regelmässige Atemzüge, die nur vom leisen Schnarchen unserer Tochter übertönt werden.

Zeichnung: Studio PETERSEN


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