LIGASTUDIOS.com

An einem sonnigen Tag im Juli traf ich mich mit Stephanie Johne von LigaStudios.com. Während wir im kleineren Ableger des “Café Fleury” im Weinbergsweg frühstückten und uns ewig über PETERSEN, die Selbständigkeit und neue Entwicklungen für das Label sprachen, lief ein Aufnahmegerät mit. Es nahm unser langes Gespräch auf. Im August wurde das Interview in einem zweiteiligen Beitrag auf LigaStudios.com veröffentlicht. Hier ist es… und erinnert mich an einen ganz wunderbaren Berliner Sommertag!

 

 

WEEKENDER: Melanie Petersen und der Traum von der Unabhängigkeit

Melanie Petersen ist Founder und Head of Design von Petersen, einem Label für Interior-Design, Schreibwaren und Strickwaren aus Berlin und sprach mit uns über die große Herausforderung ,Selbstständigkeit‘, Anlaufschwierigkeiten und warum sie es trotzdem jedem nur empfehlen kann.

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LigaStudios: Wann und wie hat das Projekt „Petersen“ begonnen und was hast Du davor gemacht?

Melanie Petersen: Angefangen hat das Projekt Petersen im Frühling 2012. Davor war ich unter anderem Art Directorin bei der Welt am Sonntag. Ich habe insgesamt drei Jahre bei Axel-Springer gearbeitet und hatte irgendwann das Gefühl – entweder ich bleibe jetzt einfach ganz lange da oder ich gehe noch einmal weiter. Den Gedanken mal etwas ganz Eigenes zu machen, gab es da schon eine Weile. Natürlich habe ich zu dem Zeitpunkt noch viel überlegt, was das sein könnte. Bis ich eines Tages ein Jeanskissen genäht habe, das in meinem Freundeskreis auf so große Resonanz gestoßen ist, dass einfach eins zum anderen gekommen ist. Weil der Upcycling-Gedanke letztes Jahr auch absolut en vogue war, hat auch die Presse prompt total positiv reagiert. Ich habe allerdings relativ schnell gemerkt, dass ich noch sehr viel dazu lernen muss und mich mit amerikanischen Start-Up Büchern erst einmal in die Materie eingelesen.

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Was schätzt du besonders an deiner Selbstständigkeit?

Mein ganzer Ansatz war schon immer eher kreativ und praktisch, das liegt mir einfach mehr. Mein Leben ist in Anbetracht dessen natürlich sehr viel freier geworden – auch wenn man gerade zum Anfang auf viele Dinge verzichten muss. Dafür habe ich jeden Tag mit neuen Leuten zu tun, die alle irgendetwas in diese Richtung machen, das ist toll! Auch den direkten Austausch mit den Kunden schätze ich sehr, wobei ich sie gar nicht Kunden nennen mag, irgendwie sind das ja alles Menschen wie Du und ich – wir kennen uns zwar nicht, aber finden doch jeden Tag aufs Neue zusammen und tauschen uns aus. Trotzdem ist da natürlich auch ab und an der Gedanke, wie gewagt es war diesen Schritt zu wagen und weiterzugehen. Angst zu versagen habe ich aber nicht und kann nur jedem, der diesen Weg auch gehen möchte, empfehlen, sich einfach zu trauen.

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Deine Produktpalette ist sehr breit aufgestellt – du bezeichnest sie selber als „collection of things for everyday.“ Wie würdest du Deinen Stil beschreiben?
Wenn man sich die Produktpalette anschaut, sind die einzelnen Sachen gar nicht so unterschiedlich. Das Sortiment wird sich allerdings auch noch einmal verkleinern, weil ich mehr Sachen machen möchte, die zu 100% von mir kommen und zu 100% Ich sind. Was ich selber gerne mag sieht man immer ganz gut oben in meinem Shop – das ist im Moment eine ganz klare und reduzierte Farbwelt. Ich überlege aktuell auch gerade ob ich beim Textil bleiben oder mich mehr auf Poster und Stationary Products konzentrieren möchte. Beim Interior Design gibt es oft viele „Abers“. Mit den Kissen habe ich beispielsweise die Erfahrung gemacht, dass Leute oft unsicher sind, sich erst noch einmal vergewissern wollen, ob das nun wirklich zum Rest der Einrichtung passt. Ein Poster ist zugänglicher, natürlich auch des Preises wegen. Stationary Products haben irgendwie einen anderen Gebrauchswert und liegen natürlich auch meinen Wurzeln als Grafikerin und Illustratorin viel näher.

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Ich gehe mal davon aus, dass Du zuerst die vielleicht etwas romantische Idee vom eigenen Label hattest und Dich dann erst wirklich mit der Realisierung auseinander gesetzt hast. Auf was für Probleme bist Du gerade am Anfang gestossen?
Ich habe am Anfang voller Euphorie total viel ausprobiert und während des ganzen Design- und Produktionsprozess plötzlich festgestellt, dass man ja für jedes neue Produkt auch wieder eine neue Verpackung benötigt (lacht!). Ich habe einfach unterschätzt, dass es ja nicht nur um die Gestaltung des Produktes geht, sondern viel mehr dazu gehört bis dann wirklich etwas von meinen Sachen verschickt und bei jemandem zu Hause ankommen kann: Rechnungen schreiben, Verpacken, Newsletter rausschicken, eine ansprechende Homepage einrichten, Social Media Kanäle pflegen, Nebenjobs um sich Anfangs über Wasser zu halten. Man realisiert eigentlich erst im Laufe dessen, dass der Tag nur 24 Stunden hat und man das alles alleine stemmen muss, ohne dabei sich selber und den Alltag aus den Augen zu verlieren. Es ist ein einziges To-Do-Listen abarbeiten. Aber es macht ja auch Spaß – ich hätte auch gut Lust Samstag und Sonntag noch im Atelier zu stehen, aber irgendwann muss man sich da auch Grenzen setzen.

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Die Petersen-Kollektion reicht im Moment von Schals, Postkarten, Schreibblöcke, handgenähte Kissen über Bettwäsche und hochwertige Strickwaren für Damen, Herren und Kinder. Wie entscheidest Du, was das nächste Petersen-Produkt wird?

Meistens fliegt mich das so an. Ich versuche mittlerweile eigentlich nicht mehr so viel auszuprobieren, sondern mich alles in allem etwas mehr zu fokussieren. Neulich meinte jemand zu mir „Mach doch mal eine Fussmatte!“ oder „Du brauchst jetzt noch Becher!“ (lacht) – aber wo fängt man dann an und wo hört man auf? Das Projekt „Concept Store“ funktioniert im Laden zwar gut, weil man die Produkte anfassen kann, Online ist das aber etwas schwieriger, vor allem wenn das Sortiment zu groß wird. Man muss auch immer aufpassen sich nicht zu verfranzen und den Menschen Zeit lassen sich an ein Produkt zu gewöhnen, bevor man wieder alles über den Haufen wirft. Das würde ja dann auch dem Lieblingsstück-Charakter widersprechen. Sehr oft reagiere ich bei der Wahl eines neuen Produktes aber auch einfach auf mein Umfeld. Die Poster waren zum Beispiel eine Idee von Stephanie Luxat von Ohhh… Mhhh…, die einen ersten Entwurf in die Finger bekommen und mich dann dazu animiert hat das anzugehen. Solche Impulse aus dem Freundeskreis zu bekommen, ist natürlich toll.

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Was ist bis heute dein absolutes Lieblingsstück von Petersen?

Ich glaube im Moment sind es die Poster und Postkarten, weil man mit denen so viel machen kann. Postkarten zum Beispiel sind ja auch etwas, was man sich jederzeit einfach so schenken kann, etwas das rumkommt und dann plötzlich wieder auf verschiedenen Social Media Kanälen auftaucht. Das gibt dem Produkt so einen kommunikativen Charakter – das finde ich toll!

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Du versuchst möglichst nachhaltig und ökologisch zu produzieren – wie realistisch ist das deiner Meinung nach wirklich?

Das ist tatsächlich gar nicht einfach, weil viele doch noch nicht bereit sind mehr Geld auszugeben, nur weil etwas ökologisch und nachhaltig hergestellt wurde. Bei Kinderkleidung ist das einfacher als bei allem anderen. Ich versuche aber alles regional zu produzieren. Das ist natürlich hin und wieder etwas teurer, hat aber auch den Vorteil, dass man auch nur kleine Auflagen bestellen kann und einen guten Einblick in die Produktion und die Möglichkeit bekommt sich mit den Leuten direkt auszutauschen. Das gefällt mir und spiegelt sich meines Erachtens auch in dem Ergebnis wieder. Ich glaube man muss sich einfach klar machen, dass Dinge, die regional produziert werden nicht nur 10,- Euro kosten können. Und mit einem überschaubaren Sortiment ist das als Designerin auch ganz gut zu realisieren.

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Reden wir über die heutige Wegwerfkultur! Du hast es Dir zum Credo gemacht langlebige Lieblingsstücke zu produzieren. Gehen Kommerz und Qualität heutzutage nicht mehr überein?
Doch, ich glaube schon! Wir reden ja hier auch von einem bestimmten Gefühl von Wertigkeit. Wenn etwas nur 9,99 Euro gekostet hat, hat das ja auch für den Konsumenten einen anderen Wert als ein echtes Lieblingsstück, auf das man vielleicht lange gespart hat. Die Wertschätzung ist dann mit Sicherheit um einiges geringer. Mit teuren Dingen wie Ketten oder Sonnenbrillen ist man auch einfach viel umsichtiger, weil sie eben eine andere Wertigkeit haben. Das ist so eine eigene Gefühlsmäßigkeit. Es gibt genug Menschen die kommerziell sind und trotzdem Wert auf Qualität legen. Man kann sich doch auch viel mehr darüber freuen und baut eine ganz andere Beziehung zu einem Produkt auf.

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Das wichtigste Utensil auf deinem Schreibtisch?
Post-Its! Weil so viele To-Do‘s in meinem Kopf rumschwirren, dass ich die irgendwie auf den Punkt bringen muss. Das ist praktisch, weil man alles, was man erledigt hat, einfach wegschmeissen kann. Und natürlich bunte Stifte in allen Variationen und die Nähmaschine, die immer startklar bereit steht!

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Du bist ein großer Tumblr Fan, führst dein eigenes Blog und Moodboard und beziehst daraus viele deiner Ideen schreibst Du! Was inspiriert Dich ausserdem?
Absolut! Früher waren es noch Magazine, die diese Funktion übernommen haben, aber streng genommen kann ein Magazin oder Bildband einfach gar nicht gewährleisten, was Tumblr kann – Moodboards erstellen nach Farben und Themen und der Austausch mit Menschen weltweit – das ist einfach fantastisch! Ansonsten mag ich den amerikanischen Design Approach sehr gerne – Stationary für das Büro, wie zum Beispiel von KnockKnock, das ist so richtig schön quatschig und bescheuert. Die Amerikaner haben so viel mehr Ideen und nehmen sich selber einfach nicht so ernst, das mag ich. In Europa sind wir hingegen sehr viel vorsichtiger, was eigentlich schade ist.

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Einmal Petersen immer Petersen oder schließt Du nicht aus irgendwann noch einmal etwas ganz anderes auszuprobieren?

Ich hoffe ehrlich gesagt, dass das jetzt das Ding ist. Ich meine ich habe ja auch schon viel ausprobiert, war auch schon in New York und dachte jetzt bin ich Illustratorin. Dann habe ich doch wieder Grafik gemacht und halte mich damit einfach schon so lange und viel auf. Man will natürlich sein Projekt auch immer sofort definieren, aber ich finde es ehrlich gesagt gut, wenn das Ganze auch in Bewegung bleibt. Natürlich frage ich mich, was nächstes Jahr ist, aber das wird sich zeigen. Und dann habe ich ja auch das große Glück, dass ich immer wieder mit Leuten zu tun habe, die mich unterstützen, anspornen und inspirieren.

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Du interessierst Dich, wenn man deinem Blog Glauben schenkt auch sehr für Mode, schreibst hin und wieder auch darüber. Wie würdest du deinen eigenen Stil beschreiben und was sind deine absoluten Favoriten in Deinem Kleiderschrank?

Oh, das ist tatsächlich schwierig zu definieren. Ich würde mich niemals als Modepäpstin aufführen, deswegen schreibe ich auch nur recht sporadisch darüber. Aber ich würde sagen Basics, Basics, Basics. Ich mag einen sehr klassischen Look, der so ein bisschen Audrey Hepburn oder Grace Kelly ist. Aktuell inspiriert mich der Stil von Emanuelle Alt, der Chefin der Französischen Vogue, und ihrer Fashion-Leiterin Capucine Safyurtlu – ein Look wie ihn auch Sofia Coppola verkörpert. Dazu gehört auch mal ein Jute-Beutel oder ein graues Sweatshirt. Die Berlinerin pflastert sich ja generell nicht unbedingt mit großen Namen, ihr ganzer Stil ist eher etwas zurückhaltender, deswegen passt das ganz gut. Ich versuche immer einen Chic zu finden, der hier passen würde, aber eben auch in Paris oder New York.

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Wo gibt es Petersen bisher zu kaufen?

Bei Dawanda, Etsy, meinem eigenen Onlineshop und natürlich in unserem Store in der Brunnenstrasse in Berlin Mitte.

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Vielen Dank, liebe Melanie, für das tolle Gespräch und Deine Zeit!

Die Fragen stellte Stephanie Johne.